Götz Schrage: 1000x verliebt

Götz Schrage fiel mir zuerst auf Facebook auf. Als ein toller Fotograf. Als jemand, der sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Und dann durch seine kleinen faszinierenden Geschichten, die er gelegentlich veröffentlichte. Schnell wurde ich süchtig nach diesen Texten und erwartete sie sehnsüchtig.

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Vor kurzem erschienen die Geschichten zu meiner großen Freude gesammelt und überarbeitet. Es sind flüchtige Skizzen und Momentaufnahmen aus einem Wien, das ich kaum kenne. Eine Welt aus seltsamen Lokalen, Rotlichtmilieu, Prostitution und Gewalt, aber auch mein stilles,  bürgerliches Kaffeehaus – und – Park – Wien. Selbstverständlich geht es, wie der Titel durchaus andeutet, um Frauen.  Frauen, die sich völlig anders verhalten, als ich es kenne oder tun würde. Ich bin fasziniert!

Schrage ist ein wunderbarer Beobachter, er hat das Auge eines Fotografen für die Details. Allein durch die Beschreibung der Kleidung schafft er kleine Charakterstudien.

Ich rate dazu, dieses Buch nicht in einem Rutsch durchzulesen. Man sollte es langsam tun, so beiläufig, wie die Geschichten vorgeblich sind. Mal eine Geschichte im Kaffeehaus genießen, mal während einer Straßenbahnfahrt damit die Welt ausblenden, mal zwei oder drei daheim lesen während man die Katze streichelt.

Bonus:

Milena Verlag (mit Leseprobe)

Hartliebs Bücher (hier kann man auch bestellen, nur so am Rande)

Interview im „Wiener“

Artikel in „Die Presse“

Skandalisierter Artikel in der „Kronen Zeitung“

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Christine Spindler: Mein Ideengarten

Der Untertitel ist hübsch: Wie Sie als Autor das kreative Chaos für sich arbeiten lassen. Autor bin ich zwar nicht, aber ein kreatives Chaos hab ich trotzdem.

 

Worum geht es?

Die Ideengarten-Methode ist ein Ordnungssystem zum Archivieren von Ideen, Rechercheergebnissen und was sonst noch so anfällt. Christine Spindler schlägt dazu vor, (elektronische) Ordner in Analogie zu einem Garten anzulegen. Das bedeutet, sie etwa „Knospen“ und „Blüten“ zu nennen. So weiß man rasch, wo etwas abgelegt werden sollte. Außerdem empfiehlt sie, die Ordner auch regelmäßig durchzusehen, da Ideen von alleine wachsen können bzw. man so erkennt, welche zusammen passen. Klingt gut, gefällt mir.

Praktischer Test

Dann los, ausprobieren. Als Folge der Lektüre habe ich endlich begonnen, mit der App „Evernote“ zu arbeiten. Das war schon eine gute Idee, ich bin begeistert. Bei der Benennung der einzelnen „Notizbücher“, wie Evernote die Ordner nennt, habe ich mich von der Ideengarten-Systematik inspirieren lassen, bin ihr aber nicht sklavisch gefolgt. Ich brauche beispielsweise keinen Ordner für fertige Projekte, dafür für Mikroideen. Den habe ich „Samen“ genannt. Bisher komme ich mit dieser neuen Systematik blendend zurecht.

 

Fazit: Die Ideengarten-Methode entspricht genau meiner Art zu denken und Dinge zu ordnen. Man muss auch nicht Autor sein, die Methode lässt sich auf vieles übertragen. Ich kann sie nach meinen bisherigen Erfahrungen weiter empfehlen.

 

Bonus: Interview mit der Autorin

 

 

Nochmalige Lektüre – Philip Pullman: Der goldene Kompass

Zehn Jahre ist es her, dass ich „His Dark Materials“ gelesen habe. So lange schon! Anlässlich der Lektüre von „Über den wilden Fluss“ habe ich Lust bekommen, wieder in diese Welt einzutauchen. Ich habe es nicht bereut!

Meine Meinung zu dem Buch hat sich tatsächlich geändert. Vor zehn Jahren war mir nicht ganz verständlich, warum die Trilogie so hoch gelobt wird. Jetzt ist es das. Während ich 2008 noch ganz unter dem Eindruck des Films stand, ist diese Erinnerung nun verblasst, und ich bin klarer zu einer eigenen Meinung gekommen.

Diesmal habe ich die Kirchenkritik stärker wahrgenommen. Immerhin beherrscht das Magisterium diese Parallelwelt. Es ist nicht erlaubt, anderer Meinung zu sein. Ketzerei wird streng bestraft. Unterstützt wird die Herrschaft von einem komplizierten, undurchschaubaren und willkürlichen Behördengeflecht. Dazu kommen natürlich die grausamen Versuche mit den Kindern durch die Gobbler.

Ein besonderer Genuss war für mich die Gestaltung der Nebenfiguren. Tony Makarios zB. Zunächst wird seine Entführung beschrieben, und viele Kapitel später taucht er wieder auf. Farder Coram erscheint anfangs nur als gyptischer Anführer, unterstützt Lyra und bekommt später viel mehr Tiefe, als die Hexe Serafina Pekkala Lyra von der gemeinsamen Liebesgeschichte erzählt.

Pullman achtet generell sehr sorgfältig auf die Details. Immer wieder kommt er auf Kleinigkeiten, die anfangs nur als Nebensatz erwähnt wurden, zurück und baut sie aus. Eine aufmerksame Lektüre lohnt sich also.

Bedauert habe ich, dass Pullman im „goldenen Kompass“ die Möglichkeit der Dæmonen viel zurückhaltender einsetzt als im „wilden Fluss“. Hier hat es eindeutig eine interessante Entwicklung des Autors gegeben.

Fazit: Das ist eines jenes Bücher, die man mehrfach lesen kann und sollte.

Hier noch ein Trailer zum Film:

Philip Pullman: Über den wilden Fluss

Wie schön! Philip Pullman kehrt wieder in die Welt von „His Dark Materials“ zurück.

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„Über den wilden Fluss“ spielt in der Zeit vor der bekannten Trilogie. Lyra ist noch ein Baby und muss vor den dunklen Mächten, die ihr aufgrund einer Prophezeihung  nach dem Leben trachten, gerettet werden. Dies übernimmt Malcolm, ein elfjähriger Bub, zusammen mit Alice, einem halbwüchsigen Mädchen.

Die Reise über den Fluss während einer zerstörerischen Flut macht (für meinen Geschmack glücklicherweise) erst ab den zweiten Teil die Geschichte aus. Davor wird man behutsam in Malcolms Welt eingeführt, lernt die Dæmonen kennen, das Alethiometer, den Staub und andere wichtige Elemente.

So, und jetzt komme ich zu den unvermeidlichen Spoilern. Diese betreffen die Zusammenhänge zwischen der Trilogie und dem neuen Werk.

Am Anfang von „Der goldene Kompass“ hält sich Lyra für eine Waise. Erst später erfährt sie, wer ihre Eltern sind. in „Über den wilden Fluss“ hingegen ist von Anfang an klar, dass sie das Kind von Lord Asriel und Mrs. Coulter ist. Es ist also unrichtig, dass man das neue Buch lesen kann ohne gespoilert zu werden. Funktioniert nicht, bedaure.

Ganz sauber gelang es Pullman auch nicht, die neue Geschichte an die alte anzupassen. Mir ist das vermutlich nur deswegen aufgefallen, weil ich derzeit „Der goldene Kompass“ wieder lese. Ich wollte Lyras Welt nicht gleich wieder verlassen.

Also:  Im „Goldenen Kompass“ erzählt John Faa Lyra deren Geschichte. Und zwar so: „Das Gericht entschied, dass du in einem Kloster untergebracht werden solltest, und so kamst zu den Demütigen Schwestern von Watlington. Daran wirst du dich kaum erinnern. Doch Lord Asriel widersetzte sich diesem Urteil. Er hasste Äbte, Mönche und Nonnen, und als eigenmächtiger Mann, der er war, kam er eines Tages angeritten und nahm dich mit. Allerdings nicht, um sich selbst deiner anzunehmen oder dich den Gyptern zu überlassen, sonder er brachte dich nach Jordan College und warnte die Gerichte davor, seine Tat rückgängig zu machen.“

Im „Wilden Fluss“ wird Lyra tatsächlich im Kloster umsorgt, allerdings von freundlichen Nonnen, die gut auf sie aufpassen. Einige böse Menschen sind hinter dem Baby her, und während der großen Flut bleibt Malcolm nichts anderes übrig, als das Kind wegzubringen. Sein Plan, sie ins College zu bringen, scheitert. Deswegen macht er sich nach London auf, um Lyra ihrem Vater zu übergeben. Und dann erst bringt Lord Asriel Lyra in einem Flugzeug ins College und sucht dort für seine Tochter um akademisches Zufluchtsrecht an. Das Alethiometer vermacht nicht Lord Asriel dem College (wie der Rektor Lyra erzählt), sondern Malcolm schenkt es ihr, indem er es unter die Decken des Babys schiebt.

Das alles nur der Vollständigkeit halber. Es beeinflusst die Geschichte nicht wirklich.

Ich liebe Lyras Welt, mit den Jahren sogar noch viel mehr als bei der ersten Lektüre. Inzwischen bin ich von der Idee der Dæmonen restlos überzeugt und begeistert. Es ist großartig, wie Pullman mit der schlichten Beschreibung, welchen Dæmon ein Mensch hat, diesen charakterisieren kann. Dieser Einfall, Menschen einen Seelenteil in Tierform beizugeben, der sogar sprechen und durchaus eigenständig agieren kann, ist faszinierend und einzigartig.

Fazit: muss man lesen, wenn man „His Dark Materials“ mochte. Und wie wunderbar, dass noch zwei weitere Bücher geplant sind!

Was andere zum Buch sagen:

Herzpotenzial

Weltenwanderer

SL Leselust

Janetts Meinung

Nicoles Bücherwelt

D.H. Lawrence: Lady Chatterley

Bekannt war mir: erotischer Roman, großer Skandal. Gelesen hatte ich das Buch noch nie, nur vor vielen Jahren gelangweilt darin geblättert. Also Bildungslücke auffüllen.

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Dann die große Überraschung: der Roman ist schlicht großartig. Eine wunderbare Liebesgeschichte, wenn man von den langatmigen Landschaftsbeschreibungen, die aber durchaus zur Geschichte gehören, absieht. Eine Entdeckung!

Die Sexszenen: ja, die gibt es. Geschmack- und stilvoll, manche leidenschaftlich, manche verspielt. Ziemlich realistisch, aber nicht pornographisch. Keinesfalls pornographisch. Heute garantiert kein Skandal mehr. Oder vielleicht doch, da dem weiblichen Orgasmus die eine oder andere Zeile gewidmet wird. Lady Chatterley hat nicht immer einen Orgasmus, sehr erholsam nach den sprudelnden Orgasmen der zeitgenössischen Literatur.

Man sollte dieses Buch allen Frauen, die Shades of Grey lesen, geben. Zwangsweise, von mir aus. Im Doppelpack die Bücher verkaufen, anders den Schund nicht rausrücken. Ich glaube, Connie Chatterley würde diesen Frauen gut tun. Richtig gut. Die wären sicher glücklicher, wenn sie ihrem Liebsten Blumen in die Schamhaare flechten als sich von ihm fesseln zu lassen. Man müsste halt wieder Schamhaare züchten, auch nicht das Schlechteste.

Die letzte Überraschung: Connie leidet an Burn-Out als pflegende Angehörige. Das wird so natürlich nicht geschrieben, aber die Beschreibung ist überraschend deutlich und präzise. Wikipedia verleumdet Connie hier richtig gehend:

„Obwohl er seine Arbeit mit Connie ausschweifend diskutiert, beginnt diese an der geistigen Enge von Wragby Hall zu leiden. Eine Affäre mit dem zu Besuch eingekehrten Schriftsteller Michaelis bringt keine Linderung, weckt aber ihren sexuellen Appetit und erfüllt sie mit zunehmendem Widerwillen gegen die wortlastige und impotente geistige Welt ihres Mannes. Um weniger Zeit mit ihm verbringen zu müssen, engagiert Connie die Krankenschwester Mrs. Bolton, die mit Clifford bald zu einer symbiotischen Einheit verschmilzt.“

Das stimmt so einfach nicht, das ist unzulässig verkürzt und bösartig. Connie pflegt ihren Mann aufopfernd und über eine lange Zeit. Sie ist seine einzige Pflegerin und macht alles, waschen, ankleiden,… Schließlich wird sie aus Erschöpfung krank. Es ist ihre Schwester, die die Einstellung der Krankenschwester erzwingt um Connie zu entlasten. Eine Entlastung, die dringend nötig ist bevor Connie zugrunde geht. Und zur Affäre mit Michaelis kommt es erst nach ausführlichen Gesprächen, in denen Clifford ausdrücklich seine Zustimmung erteilt, dass Connie ein Kind von einem anderen haben kann. Der gute Clifford möchte nämlich sehr dringend einen Erben für Wragby.

U n b e d i n g t  lesen!

Um einiges aufwändiger und differenzierter – aber mir geht es um meinen subjektiven Eindruck, und der konzentriert sich auf die genannten Punkte –  wurde das Buch auf aus.gelesen besprochen.

Bev Speight: Art Life

Dieser Text wird in gräßlichem Denglisch geschrieben. Das Buch ist nämlich in englisch, und ich bin zu bequem, zu übersetzen. Bedaure, ihr müsst da durch. Oder nicht, wie ihr wollt. Ihr seid gewarnt.

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Also: Der Aufbau entspricht vier „journeys“: Line, book, traces, paper.

„Line“ beschäftigt sich damit, was man aus einer simplen Linie alles gestalten kann. Bilder natürlich, aber man muss ja nicht nur den Stift verwenden. In Frage kommt auch Draht, Schnüre oder Tape Art. Für Tape Art kenne ich tatsächlich keine Übersetzung, gemeint ist Kunst aus Klebebändern verschiedenster Art, angefangen vom einfachen Paketband bis zum Washi-Tape.

„Book“ zeigt, wie man alte Bücher verwerten und zu Skulpturen gestalten kann.

„Traces“ sind Spuren. Sehr spannend (ok, das ganze Buch ist sehr spannend). Die Ränder einer Kaffeetasse auf dem Tisch können der Anfang eines Bildes sein, oder verschütteter Wein. Man kann mit Zweigen oder Wattestäbchen oder umfunktionierten Küchengeräten malen. Es gibt tatsächlich „coffee artists“ wie Gulia Bernardelli

In „Paper“ geht es um jede Menge Anregungen für Collagen.

Das Buch enthält keine Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Es geht nicht darum, irgendetwas nachzuarbeiten, sondern die eigene Kreativität anzuregen. Jedes Kapitel endet allerdings mit weiterführenden Hinweisen auf Künstler oder Buchtipps.

Es ist eine überquellende kreative Fundgrube. Man findet jede Menge Ideen, Anregungen, Denkanstöße. Schon beim ersten Durchblättern entstehen erste Konzepte für etwas Eigenes, dazu kommen (für mich als Laien) überraschende und neue Ansätze. Unglaublich spannend, interessant und lebendig. Nichts ist kompliziert, man kann und soll Alltagsgegenstände verwenden und nicht ein kleines Vermögen im Künstlerbedarfgeschäft ausgeben bevor man anfängt. Keine Materialschlacht, sondern einfach und alltäglich – aber mit einem besonderen Kick.

Ich denke, man merkt es schon: ich bin restlos begeistert. Ein weiteres Buch von Bev Speight wird im Juni erscheinen, ich hab es mir bereits vorgemerkt.

Ach ja: an die Englischkenntnisse werden keine großen Ansprüche gestellt. Kann man mit halbwegs ordentlichen Schulenglisch ohne Probleme lesen.

Homepage von Bev Speight

„Art Life“ – Verlagshomepage

„Fast Art“, das nächste Buch

Noch ein Highlight aus 2017

 

Dorothy Parker:  Denn mein Herz ist frisch gebrochen.

Auf dieses Buch habe ich über zwanzig Jahre gewartet. Ehrlich! Mitte der 90er sah ich den Film „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis“. Seither gehört Dotty Parker zu meinen Heldinnen. Warum der Film das bei mir auslöste, ist mir heute, nachdem ich den Trailer nochmals gesehen habe, unverständlich. Aber egal. Mrs. Parker ist genial!

Ich habe versucht, alle ihre Texte zu bekommen und zu lesen. Bei den Kurzgeschichten war das kein Problem, aber eine Ausgabe in deutscher Übersetzung der Gedichte war einfach nicht zu kriegen. Ich habe mir damit beholfen, sie online auf englisch zu lesen. Geht ja auch, aber ich will ein Buch zum Angreifen haben!

Aus Anlass des 50. Todestages von Dorothy Parker legte der Dörlemann-Verlag endlich, endlich, endlich, wieder die Gedichte auf Deutsch vor. Nicht nur auf Deutsch, in einer zweisprachigen Gesamtausgabe in Leinen mit Lesebändchen. Hach! Wie schön! Purer Luxus!

20180101_120926Nun, ich bin mit der Übersetzung nicht ganz glücklich. Anderes war nicht zu erwarten, wenn man die Gedichte jahrelang im Original liest und liebt. Aber die Übersetzung ist bemüht und in Ordnung.

Warum ich Dorothy Parker so liebe? Sie ist zynisch, ironisch, auf den Punkt, spöttisch und boshaft – und dann wieder zart, sensibel und melancholisch. Sie war eine moderne Frau in den Zwanzigern, aber dann wieder so zeitlos, dass man sie sich problemlos heute vorstellen kann.

Gleichzeitig habe ich die erste deutschsprachige Biographie von ihr gelesen: Michaela Karl, Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber. Von diesem Buch war ich überhaupt nicht begeistert, ich fand es schwatzhaft und mehr nach Art der Tratschpresse. Es soll aber gut recherchiert sein. Positiv ist aber auch hier die hübsche Aufmachung: kleines Format, Leinen, Lesebändchen. (Ja, ist halt so: Lesebändchen ist Pluspunkt. Ihr könnt mich gerne auslachen.)

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