Antoine Loraine: Liebe mit zwei Unbekannten

Laure wird überfallen, ihre Handtasche wird gestohlen. Kurz darauf fällt sie ins Koma. Der Buchhändler Laurent findet die Tasche, die bis auf Geld und Handy noch alle Gegenstände enthält. Ohne zu wissen warum, sichtet er den Tascheninhalt und macht sich auf die Suche nach der Frau dahinter.

Der Originaltitel lautet  “La femme au carnet rouge”. Die Frau mit dem roten Notizbuch. Ein solches befindet sich in der Handtasche, Laurent erfährt dadurch sehr viel über Laure. Er kennt ihr Parfum, einen Duft, den nicht jede Frau hat. Er kennt ihren Lesegeschmack – was sogar zu einem „Gastauftritt“ von Patrick Modiano führt.

Das Buch hat bei mir zu einer to-do-Liste geführt: Modiano lesen. „Habanita“ testen. Ein rotes Notizbuch habe ich schon seit Jahren, und Nischendüfte liebe ich auch. Kein Wunder, dass mir Laure gefallen hat.

Mit der Übersetzung von Claudia Kalscheuer bin ich nicht ganz glücklich. Panaché als Alsterwasser übersetzen? Das ist ein regionaler Begriff, den man in Österreich nicht verwendet. Warum ist das nicht unübersetzt geblieben, lycee blieb es ja auch. Und dieses unsägliche Potafeu! Unmöglich, auch wenn es der Duden erlaubt. Das ist unlesbar! Pot-a-feu, bitte!

Ich mochte das Buch. Es ist angenehme Unterhaltung mit zwei sympathischen Protagonisten. Die Details sind liebevoll erzählt, der Plot ist stimmig. Keine vermeidbaren Klischees, es gibt durchaus kleine Überraschungen. Was ich sehr mag: wenn der Zufall bemüht wird, dann unauffällig.

Leider sind gerade die Schlussszenen schwach. Warum greift der Autor plötzlich auf Laures Tagebucheintragungen zurück? Bisher führte sie nur Listen und Notizen, nicht mehr. Bisher erzählte Loraine auch mal aus ihrer, mal aus Laurents Perspektive. Daher: völlig unnötig und unpassend. Ähnliches gilt für das letzte Kapitel: plötzlich tauchen noch beinahe alle wichtigen Figuren kurz auf. Wozu? Das ist die Geschichte von Laure und Laurent. Es wirkt gekünstelt, als würde der Autor sich eine Verfilmung mit genau dieser Schlussszene wünschen, ein bisschen „Und plötzlich Liebe“, oder so. Aufgesetzt.

Fazit: süßer Paris-Liebesroman. Katze kommt auch vor. Mag ich.

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Götz Schrage: 1000x verliebt

Götz Schrage fiel mir zuerst auf Facebook auf. Als ein toller Fotograf. Als jemand, der sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Und dann durch seine kleinen faszinierenden Geschichten, die er gelegentlich veröffentlichte. Schnell wurde ich süchtig nach diesen Texten und erwartete sie sehnsüchtig.

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Vor kurzem erschienen die Geschichten zu meiner großen Freude gesammelt und überarbeitet. Es sind flüchtige Skizzen und Momentaufnahmen aus einem Wien, das ich kaum kenne. Eine Welt aus seltsamen Lokalen, Rotlichtmilieu, Prostitution und Gewalt, aber auch mein stilles,  bürgerliches Kaffeehaus – und – Park – Wien. Selbstverständlich geht es, wie der Titel durchaus andeutet, um Frauen.  Frauen, die sich völlig anders verhalten, als ich es kenne oder tun würde. Ich bin fasziniert!

Schrage ist ein wunderbarer Beobachter, er hat das Auge eines Fotografen für die Details. Allein durch die Beschreibung der Kleidung schafft er kleine Charakterstudien.

Ich rate dazu, dieses Buch nicht in einem Rutsch durchzulesen. Man sollte es langsam tun, so beiläufig, wie die Geschichten vorgeblich sind. Mal eine Geschichte im Kaffeehaus genießen, mal während einer Straßenbahnfahrt damit die Welt ausblenden, mal zwei oder drei daheim lesen während man die Katze streichelt.

Bonus:

Milena Verlag (mit Leseprobe)

Hartliebs Bücher (hier kann man auch bestellen, nur so am Rande)

Interview im „Wiener“

Artikel in „Die Presse“

Skandalisierter Artikel in der „Kronen Zeitung“

Christine Spindler: Mein Ideengarten

Der Untertitel ist hübsch: Wie Sie als Autor das kreative Chaos für sich arbeiten lassen. Autor bin ich zwar nicht, aber ein kreatives Chaos hab ich trotzdem.

 

Worum geht es?

Die Ideengarten-Methode ist ein Ordnungssystem zum Archivieren von Ideen, Rechercheergebnissen und was sonst noch so anfällt. Christine Spindler schlägt dazu vor, (elektronische) Ordner in Analogie zu einem Garten anzulegen. Das bedeutet, sie etwa „Knospen“ und „Blüten“ zu nennen. So weiß man rasch, wo etwas abgelegt werden sollte. Außerdem empfiehlt sie, die Ordner auch regelmäßig durchzusehen, da Ideen von alleine wachsen können bzw. man so erkennt, welche zusammen passen. Klingt gut, gefällt mir.

Praktischer Test

Dann los, ausprobieren. Als Folge der Lektüre habe ich endlich begonnen, mit der App „Evernote“ zu arbeiten. Das war schon eine gute Idee, ich bin begeistert. Bei der Benennung der einzelnen „Notizbücher“, wie Evernote die Ordner nennt, habe ich mich von der Ideengarten-Systematik inspirieren lassen, bin ihr aber nicht sklavisch gefolgt. Ich brauche beispielsweise keinen Ordner für fertige Projekte, dafür für Mikroideen. Den habe ich „Samen“ genannt. Bisher komme ich mit dieser neuen Systematik blendend zurecht.

 

Fazit: Die Ideengarten-Methode entspricht genau meiner Art zu denken und Dinge zu ordnen. Man muss auch nicht Autor sein, die Methode lässt sich auf vieles übertragen. Ich kann sie nach meinen bisherigen Erfahrungen weiter empfehlen.

 

Bonus: Interview mit der Autorin

 

 

Nochmalige Lektüre – Philip Pullman: Der goldene Kompass

Zehn Jahre ist es her, dass ich „His Dark Materials“ gelesen habe. So lange schon! Anlässlich der Lektüre von „Über den wilden Fluss“ habe ich Lust bekommen, wieder in diese Welt einzutauchen. Ich habe es nicht bereut!

Meine Meinung zu dem Buch hat sich tatsächlich geändert. Vor zehn Jahren war mir nicht ganz verständlich, warum die Trilogie so hoch gelobt wird. Jetzt ist es das. Während ich 2008 noch ganz unter dem Eindruck des Films stand, ist diese Erinnerung nun verblasst, und ich bin klarer zu einer eigenen Meinung gekommen.

Diesmal habe ich die Kirchenkritik stärker wahrgenommen. Immerhin beherrscht das Magisterium diese Parallelwelt. Es ist nicht erlaubt, anderer Meinung zu sein. Ketzerei wird streng bestraft. Unterstützt wird die Herrschaft von einem komplizierten, undurchschaubaren und willkürlichen Behördengeflecht. Dazu kommen natürlich die grausamen Versuche mit den Kindern durch die Gobbler.

Ein besonderer Genuss war für mich die Gestaltung der Nebenfiguren. Tony Makarios zB. Zunächst wird seine Entführung beschrieben, und viele Kapitel später taucht er wieder auf. Farder Coram erscheint anfangs nur als gyptischer Anführer, unterstützt Lyra und bekommt später viel mehr Tiefe, als die Hexe Serafina Pekkala Lyra von der gemeinsamen Liebesgeschichte erzählt.

Pullman achtet generell sehr sorgfältig auf die Details. Immer wieder kommt er auf Kleinigkeiten, die anfangs nur als Nebensatz erwähnt wurden, zurück und baut sie aus. Eine aufmerksame Lektüre lohnt sich also.

Bedauert habe ich, dass Pullman im „goldenen Kompass“ die Möglichkeit der Dæmonen viel zurückhaltender einsetzt als im „wilden Fluss“. Hier hat es eindeutig eine interessante Entwicklung des Autors gegeben.

Fazit: Das ist eines jenes Bücher, die man mehrfach lesen kann und sollte.

Hier noch ein Trailer zum Film: