Ursula Flossmann: Frauenrechtsgeschichte

Die Zeit des Jahreswechsels ist eine Zeit des Rückblicks. Dann machen wir es diesmal ordentlich und beginnen mit dem Mittelalter…

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Ich habe dieses Buch heute aufgrund eines Zeitungsartikels herausgekramt.  Die Wiener Zeitung berichtet kurz über das Gesetz über die persönlichen Rechtswirkungen der Ehe, das am 1.1.1976 in Kraft trat. Bis dahin benötigten Ehefrauen die Zustimmung ihres Mannes, wenn sie arbeiten gehen wollten. Der Mann bestimmte den Wohnsitz, er war das „Haupt der Familie“. Eine Kommentatorin auf Facebook bezweifelte, dass das alles wirklich so gewesen sei.

Doch, das war es. Bis 1976 galten Paragrafen , die noch aus 1811 stammten, im Familienrecht! Andere Paragrafen wurden gar erst 1978 geändert. Bis dahin konnte der Mann in gewissen vermögensrechtlichen Belangen als Kläger der Frau auftreten. Als ihr „gesetzmäßiger Vertreter“.

Die Frauen kämpften seit sie Abgeordnete werden durften um diese Familienrechtsreform. Es war ein langer, langer Weg.

Wenn in diesem Jahr auch an 1968 gedacht wird, sollte man das nicht vergessen. Ich halte es für sehr, sehr wichtig, die Rechtsgeschichte der Frauen zu kennen. Man muss ja nicht im Mittelalter anfangen, aber dass so viele Rechte der Frauen erst seit den 70er Jahren existieren, sollte man wissen.

Das vorliegende Buch ist ein rechtswissenschaftliches Fachbuch. Ich halte es aber für gut lesbar und mangels populärwissenschaftlicher Alternativen empfehle ich es sehr dringend.

Abgedruckt ist etwa auch ein Teil einer Rede, die Hertha Firnberg 1969 hielt. Man kann sie im Volltext auf der Seite des Parlamentes abrufen (Die Debatte über die Familienrechtsreform ist am Ende des pdf-Dokuments.) Ich gebe einen bedrückenden Ausschnitt wieder:

„Das geltende Familienrecht, meine Herren, stammt aus dem Jahre 181 1. Seine Bestimmungen sind der Gesellschaftsstruktur der Zeit vor 150 Jahren, den Verhaltungsformen der patriarchalischen Familie adäquat. Diese Bestimmungen sind unzeitgemäß, autoritär und die Frauen und Mütter diskriminierend.
Ich frage mich manchesmal, ob unsere Männer überhaupt noch wissen, wie sich dieses Gesetz im einzelnen auswirkt, welches Martyrium sie manchen Frauen damit  auferlegen.
Ich habe mir einige Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes zu Bestimmungen dieser
Rechtsmaterie angesehen, die gar nicht von so großer Bedeutung zu sein scheinen, zum
Beispiel Entscheidungen zur Folgepflicht. Hiezu ein Beispiel : „Darin, daß der Beklagte grob zur Klägerin war und sie mehrmals fortschaffte, daß er gern trinkt und es durch seinen betrunkenen Zustand oft zu unleidlichen Szenen kommt, sind keine derart schweren Eheverfehlungen zu erblicken, die die Klägerin berechtigen würden, die eheliche Gemeinschaft eigenmächtig aufzuheben.“ Überlegen Sie das, meine Herren !
Ein zweites Beispiel : „Die Eheverfehlungen des geistesschwachen Beklagten, der die Klägerin kurze Zeit nach der Eheschließung vor einer Landarbeiterin bloßstellte, . . . die notwendige Pflege der erkrankten Klägerin unterließ … , die Klä­gerin aus dem Bett warf und vom ehelichen Hof wies, sich zweimal weigerte, die Klägerin wieder im ehelichen Hof aufzunehmen, seine Unterhaltspflicht gegenüber der Klägerin und dem Kinde verletzte und schließlich die zwischen den Streitteilen erzielte Einigung über die Rückkehr der Klägerin auf den ehelichen Hof am gleichen Tag ohne jeden triftigen Grund widerrief, sind weder im einzelnen noch in ihrer Gesamtheit so schwer, daß sie die Klägerin berechtigt hätten, den seither wiederholten vom Beistand des Beklagten in dessen Anftrag an sie gerichteten Aufforderungen, die eheliche Gemeinschaft mit dem Beklagten wiederherzustellen, nicht Folge zu leisten.“
Meine Damen und Herren ! Das sind Menschenschicksale, Frauenschicksale ! Ich
frage mich, ob diese gedankenlose Grawsamkeit des Gesetzgebers, der noch keine Änderung getroffen hat, länger zu ertragen ist. „

 

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