Camille de Peretti: Wir werden zusammen alt

Seltsamer Titel für ein Buch, das in einem Altersheim spielt. Die Protagonisten sind bereits alt, die brauchen es nicht mehr zu werden. Aber dieser Titel wurde ausnahmsweise wörtlich übersetzt.
Wie immer: die Übersetzungen aus dem Französischen lesen sich viel flüssiger als die aus dem Englischen. Bekommen die Übersetzer hier mehr Zeit für ihre Arbeit, oder wird sorgfältiger ausgewählt, was übersetzt wird?

Ach so, ja, der Inhalt: ein Oktobersonntag (oweh, Oktober, welch eine banale Anspielung) in einem Altersheim. Zeitlich ziemlich streng, von 9 Uhr morgens bis 00:45. Außerdem „wandert“ die Geschichte von Zimmer zu Zimmer, von Bewohner zu Bewohner, verweilt gelegentlich im Flur, zeigt auch das Personal und die Angehörigen, kehrt dann wieder in eines der Zimmer zurück. Dazu gibt es gelegentlich ein paar Listen, die ich als Fremdkörper, aber nicht als störend empfunden habe.

Der formale Aufbau weist noch andere Finessen auf, die absichtlich erst im Anhang erklärt werden, daher will ich nicht darauf eingehen. Ganz abgesehen davon, dass ich solche formalen Spielereien eher uninteressant finde.

In dem Seniorenheim tut sich unglaublich viel, aber die Fülle der kleinen Geschichten erschlägt nicht. Man erfährt die Gegenwart und Vergangenheit der Bewohner, die teilweise geistig noch voll da sind, teilweise nicht mehr. Dazu kommen Angehörige auf Besuch, es gibt eine Besichtigung, eine Tote ist aufgebahrt, eine Krankenschwester in Ausbildung ist schwanger, eine andere Krankenschwester hat ihre Not mit der Liebe, und vieles mehr. Angenehm erzählt, ohne Kitsch und Pathos. Die vielen Namen verwirrten mich allerdings am Anfang.

Fazit: eine nette Lektüre, bei der mir trotz der Fülle die Tiefe fehlte.
Mir hat ”Haus der Schildkröten” von Annette Pehnt besser gefallen.

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