Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Das neue Buch von Arno Geiger wurde in allen Medien rauf und runter besprochen, ein paar Zitate gibt es zB beim Perlentaucher oder direkt auf der Homepage des Autors. Durchaus nicht immer positiv, was mich verwundert.

Ich hatte ja immer so meine Probleme mit Geigers Stil, aber dieses Buch hat mich berührt, fasziniert und in seinen Bann geschlagen.

Erzählt wird die Geschichte des Vaters des Autors. Einerseits die Gegenwart eines Demenzkranken, der zunächst daheim gepflegt wird und schließlich, als es gar nicht mehr geht, ins Heim kommt. Andererseits die Vergangenheit, soweit sie der Sohn rekonstruieren kann.
Ja, das ist subjektiv, was denn sonst? Und liebevoll, sensibel, tapfer, reflektiert, ehrlich, genau beobachtet. Eben sehr, sehr beeindruckend.

Vielleicht liegt’s an der Angst vor der Krankheit, die jeden treffen kann, am Stigma der psychischen Krankheit, an der Vorstellung, dass die eigenen Eltern so werden könnten, dass sich manche auf den Text nicht einlassen können. Aber auch das bewundere ich an Geiger, dass er den Angehörigen eine Stimme gibt, dass er sich in die erste Reihe stellt und Dinge ausspricht, die sich sonst nur wenige trauen. Zum Beispiel, dass es nicht möglich ist, einen Alzheimerkranken ab einem gewissen Stadium daheim zu pflegen und zu betreuen.

Es gibt viele Textstellen, die einer besonderen Erwähnung wert wären. Eine habe ich ausgesucht:
„Als Angehöriger kann ich deshalb nur versuchen, die Bitterkeit des Ganzen ein wenig zu lindern, indem ich die durcheinandergeratene Wirklichkeit des Kranken gelten lasse. Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben, innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Maßstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.“

Fazit: ich bin schwer beeindruckt vom Inhalt. Vom Stil habe ich diesmal rein gar nichts mitbekommen.
Manche Bücher sind völlig zu Recht in den Bestsellerlisten. Oder soll ich lieber schreiben, dass auch die Bestsellerlisten echte Perlen enthalten können?

PS: Ein weiterer sehr empfehlenswerter Roman zu diesem Thema ist ”Aufgetrennte Tage” von Gudrun Seidenauer.

aus.gelesen
Sand am Meer
Der Leseberater
Wiener Zeitung, 5.2.2011
Kurier, 4.2.2011