Silvia Pistotnig: Nachricht von Niemand

Warum wecken Verlage mit ihren “Informationen” zum Buch so oft falsche Erwartungen? War hat etwas davon?

Bei „Nachricht von Niemand“ ist auf dem Cover ein Ausschnitt aus einer Mail abgedruckt: „Es ist mir egal, wie Sie aussehen, ich beobachte Sie nicht, ich schleiche nicht um Ihr Haus herum, ich weiß nicht, wo Sie wohnen, es spielt keine Rolle, ich will nur schreiben und irgendwann vielleicht von Ihnen lesen, einen Buchstaben, drei Worte, einen Satz. (…) Und wer immer ich auch bin, für Sie bin ich der, den Sie sich vorstellen. Alles andere kommt mit der Zeit.“

Wer jetzt an „Gut gegen Nordwind“ gedacht hat, hebe bitte die Hand. Ich sag’s gleich: falsche Spur, ganz falsche Spur.

Und warum wird Lu im Klappentext „Luise“ genannt? Im ganzen Buch wird sie als Lu bezeichnet. Auch das nervt mich gewaltig, es ist, als würde mir der Verlag eine Person unter falschem Namen vorstellen.

„Nachricht von Niemand“ ist kein E-Mail-Roman. Es kommen zwar Mails vor, aber eben nur als Teil einer auktorial erzählten Geschichte. Und es ist schon gar keine Mail-Liebesgeschichte.
Lu schreibt an ihrer Diplomarbeit, findet endlich einen Job für ihren Lebensunterhalt, hat eine verrückte Mutter und eine Schwester, die ständig reist, dazu noch einen Freund, der keine fixe Beziehung will und Freunde, deren Berufe kaum für den Lebensunterhalt reichen.
Plötzlich erhält sie Mails von einem Fremden, der ihre Mailadresse angeblich aus einem Verteiler hat. So seltsam ihr das anfangs erscheint, so vertraulich werden die Mitteilungen. Der Fremde berichtet von seinem Leben, von der Großmutter, die er bis zu deren Tod pflegte. Und natürlich überlegt Lu immer wieder, wer es denn sein könnte.

Gerade durch diese Überlegungen entsteht eine sehr ruhige, sanfte Spannung. Als Leser möchte man das auch sehr gerne wissen. Nebenbei läuft Lus Leben, recht normal und unspektakulär. So kehrt zB die Schwester für kurze Zeit heim oder Lus Großmutter stirbt. Ein eher leises Buch, gerade deswegen beeindruckend.

Dem angepasst ist die Sprache, unspektakulär, eher knapp, zurückhaltend aber klar. Und österreichisch, was ich sehr liebe. Die Geschichte spielt in Wien, sie wurde von einer Österreicherin geschrieben, wozu dies krampfhaft verleugnen?

Fazit: ein starkes Debut

Homepage der Autorin (mit Leseprobe)
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