Rosaura Rodriguez: Dich schickt der Himmel

Uijegerl. Was für ein Fehlgriff! Ganz, ganz übel.

Dabei hat mich die erste Seite beim Anlesen in der Buchhandlung sehr fasziniert:
„Es ist nämlich nicht dasselbe, ob man sich mit zwanzig oder mit vierzig verliebt. Die Schmetterlinge im Bauch könnten ebenso Symptome eines Magengeschwürs sein, Schweißausbrüche und Hitzewallungen erste Anzeichen der Wechseljahre, das Herzklopfen lässt sich möglicherweise auf übermäßigen Kaffeegenuß zurückführen, und die Zerstreutheit könnte eher ein Anzeichen für eine vorzeitige Alzheimer-Erkrankung als für eine Verliebtheit sein. Allerdings muss ich, wenn auch nur widerwillig, gestehen, dass die Intensität der Gefühle die gleiche ist, die Sehnsucht unverändert zurückkehrt und wir die Welt im Zustand der Verliebtheit nach wie vor durch die rosarote Brille sehen.“

Yeah, Rosaura, weiter so! Gib mir eine Heldin, die nicht mehr Mitte zwanzig ist und der Liebe mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und Humor begegnet. Und die keinesfalls doof ist!

Erste Irritationen haben nicht lang auf sich warten lassen. Ich rechnete mit einem Chick-Lit-Roman für die Überdreißigjährigen. Das ist es nicht, ich finde sogar den Begriff Roman nicht ganz passend. Es geht um eine Frau (dürfte autobiographisch sein), die sich in ihren Vierzigern in einen geschiedenen Mann mit Kindern verliebt und diesen auch heiratet. Von der Liebesgeschichte erfährt die Leserin (lesen Männer sowas?) wenig, dafür viel von der theoretischen Auseinandersetzung mit Exfrauen und Kindern. Naja. Eher doch die persönliche Ratgeber-Ecke in Erzählform oder so.

Seltsam finde ich, dass für die Autorin offensichtlich nur die Ehe als echte Beziehung gilt. Alles andere scheint sie nicht zu interessieren. Kann ich einfach nicht nachvollziehen und bleibt mir unverständlich.

Generell habe ich das Buch langatmig und langweilig gefunden, ohne echte Geschichte eben, und dazu eigenartige Ansichten. Rodriguez steht prinzipiell auf der Seite der Männer, nicht der Frauen. Es gibt in diesem Buch keine Männer, die ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachkommen, dafür jede Menge Frauen, die die Ex-Ehemänner über die Kinder massiv unter Druck setzen. Nach Ansicht der Autorin hat eine Mutter ihren Kindern jederzeit den Kontakt mit dem Vater zu ermöglichen, ohne Rücksicht auf eigene Pläne oder Bedürfnisse. Wünscht Papa Kontakt, hat Mama zu springen, sonst ist sie eine böse Hexe.

Ganz schlimm wird es zum Schluß. Da werden nämlich die Wünsche der Ich-Erzählerin ganz deutlich ausgesprochen: sie will von ihrem Ehemann ausgehalten werden. Nach elf mühsamen Jahren der Eigenverantwortung gibt es endlich wieder jemanden, der das übernimmt.
Eine Einstellung, bei der mir die Worte fehlen.

Julya Rabinowich: Herznovelle

Von Rabinowichs Debut ”Spaltkopf” war ich begeistert: intensiv und beeindruckend.

Mit dem jetzt vorliegenden zweiten Buch kann ich wenig anfangen. Ja, allein der Titel ist bezaubernd, denn wer nennt einen kurzen Text noch freiwillig „Novelle“? Und dann noch Herznovelle…

Auch die Geschichte ist originell:
Für die Ich-Erzählerin verändert sich durch eine Herzoperation alles. Der Arzt, der ihr Herz berührt hat, wird für sie zu einer fixen Idee. Dazu gibt es lyrische Traumsequenzen. Eigentlich sehr gut gemacht.

Aber: mein Herz bleibt unberührt. Die Geschichte kann mich nicht fesseln, die Sprache fasziniert mich nicht. Ich kann nicht sagen, woran es liegt. Ehrlich nicht.

Fest steht aber, dass ich Julya Rabinowich als Autorin immer noch sehr interessant finde und im Auge behalten werde.

Verlagsseite mit Leseprobe
Kurier, 11.2.1011
Deutschlandradio Kultur
Der Standard, 12./13.2. 2011

Christine Grän: Heldensterben

Aus irgendeinem Grund dachte ich, das sei ein Krimi. Ist es nicht. Es ist ein Wien-Roman mit vielen Toten, aber das sind Selbstmörder. Ein Kriminalbeamter spielt auch eine wichtige Rolle, aber der quittiert dank einer Intrige den Dienst. Nein, das kann kein Krimi sein.

Es ist ein ziemlich schräges Buch, melancholisch, morbid, voll von Klischees, mit durchaus schwarzem Humor, auf jeden Fall eigenartig. Sehr wienerisch, sehr österreichisch, denn Klischees hin oder her, so ist’s hier.

Protagonistin Lucie ist verliebt in den Tod, schreibt an einem Buch über Selbstmörder und liebäugelt selbst mit dem Freitod. Nebenbei verfasst sie Pornodrehbücher und später startet sie eine weitere Karriere als Ghostwriterin von Grabreden. Diese werden von ihrer Freundin Anna vorgetragen, Ex-Pornodarstellerin, lesbisch und wunderschön.
Dann gibt es noch Lucies Lover Ado und Ludwig, der Anna auf sehr spezielle Art liebt. Also zwei Liebesgeschichten, die von Anfang bis zum Ende erzählt werden.
Sehr gelungen fand ich, das am Rande, die pokerspielende „Bande“ krimineller alter Leute im Altersheim.

Was mich an diesem Buch wirklich gestört hat ist nicht das, was in anderen Besprechungen steht. Diese Mängel sind mir entweder nicht aufgefallen oder ich hätte sie dank der gut gelungenen düsteren Atmosphäre ohne weiteres geschluckt. Gestört hat mich ausgerechnet Lucie, die wichtigste Person. Sie ist nämlich klein. 160 cm. Das ist natürlich ein kleiner Mensch, aber kein Liliputaner, wie’s im vorliegenden Roman beschrieben wird. Dauernd beschrieben wird. Ich hab’s sogar gegoogelt, ob ich überempfindlich bin (da soll noch einer sagen, dass Lesen nicht bildet!). Aber nein: für die Beschreibung, die von Lucie geliefert wird, müsste sie mindestens 20 cm kleiner sein.
Tjo. Solche Fehler verzeihe ich nicht.

Perlentaucher
Ö 1
Eselsohren
Bibliofeles

Manfred Baumann: Jedermanntod

Ein Salzburg-Krimi

Salzburg im Sommer, und zwar zur Festpielzeit, genauer: der Krimi beginnt am 31. Juli und dauert bis zum 6. August.

Die Zutaten: ein toter Tod auf der Jedermann-Bühne, eine verwirrte Schauspielerin, jede Menge Intrigen in der Theaterwelt, ein sympathischer Kommissar mit seinem Team, einige böse Seitenhiebe gegen Österreich, Salzburger Lokalkolorit, natürlich.

Sprachlich ist das Buch ganz gelungen, unaufgeregt mit leichten Anleihen an die Umgangssprache. Die Spannung ist recht solide aufgebaut, vielleicht etwas zu viele Abschweifungen ins Privatleben der Ermittler, die Lösung des Kriminalfalls während der Lektüre nicht zu durchsichtig und am Ende befriedigend.

Fazit: ein ordentliches Debut, ein solider Regionalkrimi der seinen Zweck als Reiselektüre gut erfüllt hat.

Literaturhaus mit Leseprobe
Gießener Zeitung
Bücherwurmloch

Judith Martin: Miss Manners’ Handbuch für unerhört gutes Benehmen

Stil und Etikette für alle Lebenslagen

Gekauft habe ich das Buch natürlich als schrägen Ratgeber – wie sollte es bei diesem Titel auch anders sein? Aber Miss Manners hat mich überrascht. Hey, ihre Benimmvorschläge sind alltagstauglich!

Allein für ihre Anmerkungen zu Handys in der Öffentlichkeit hat sie standing ovations verdient. Selbstverständlich ist es nicht unhöflich, an Orten, an denen geredet werden darf, auch zu telefonieren. Solang man das Schreiverbot in der Öffentlichkeit beachtet.
Miss Manners gestattet im Übrigen auch das Mitlesen von Zeitungen in der U-Bahn. Dafür mag ich sie. Allerdings verbietet sie, den Zeitungsbesitzer zum Umblättern aufzufordern. Na gut.

Ein bisschen Hintergrundinformation:
Judith Martin wurde 1938 geboren. Seit 1978 beantwortet sie als Miss Manners in der Washington Post Fragen zu Etikette und Benehmen. Diese Kolumne ist die Grundlage für das vorliegende Buch. Das bedeutet auch, dass oft der Fragen-Antwort-Stil verwendet wird und es wenig durchgehende Texte zu Stilfragen gibt.

Finde ich aber nicht schlimm. Miss Manners schreibt pointiert, bissig und witzig, und selbstverständlich hält sie immer die Regeln des guten Benehmens ein. Sie bezieht klar Position und scheut sich nicht, unangenehm zu werden oder über sich selbst lustig zu machen.
Nach meinem Eindruck scheint es sich auch ausnahmsweise mal um eine gute Übersetzung zu handeln.

Kurz: ich habe mich köstlich amüsiert.

Verlagshomepage
Madonna
Puls4
lost in France
Miss Manners‘ Kolumne in der Washington Post