Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Michael Köhlmeier: Sunrise

Sigrid Löffler schreibt im aktuellen Falter in ihrem Madalyn-Verriss (Ach, es geht nichts über einen guten Verriss! Auch wenn ich völlig anderer Meinung als Löffler bin, empfehle ich dringend die vollständige Lektüre.) über Köhlmeier:

„Michael Köhlmeier ist eine Art literarischer Bauchredner. Als Stil- und Stimmenimitator ist er unerreicht. Von Buch zu Buch wechselt er Tonfall, Erzählgestus und Prosastil, und das so gründlich und so kunstfertig, dass man ihn als Autor kaum wiedererkennt. Er ist ein Virtuose des wendigen (und zunehmend auch windigen) „Mal so, mal so“. Über eine eigene unverkennbare Handschrift verfügt er nicht.“

Das stimmt schon. Und auch nicht. Ja, „Sunrise“ klingt ganz anders als „Madalyn“. Nur: muss ein Autor über eine „unverkennbare Handschrift“ verfügen? Wenn ja, wozu? Was bringt es mir als Leser, wenn ich zB einen holprigen Stil sofort wieder erkenne und zuordnen kann?
„Erzähl mir eine Geschichte. Eine gute Geschichte“, das ist es, was ich von einem Autor haben möchte. Köhlmeier kann das.

„Sunrise“ ist eine kleine Erzählung, ein hübsches Büchlein für zwischendurch mit einem überraschenden Schluss.

Zwei Autostopper. Der eine, Richard, erzählt dem anderen (dem Ich-Erzähler) eine Geschichte. Die von Leo und Rita, die um ihr Leben reden. Denn der Tod, der „Dünne“, hat aus Versehen Rita statt Leo mit seiner Sichel getroffen. Eine Stunde haben sie Zeit, den Tod zu überzeugen. Jeder der beiden berichtet aus seinem Leben. Am Ende gibt es vier Möglichkeiten, wie die Geschichte ausgehen könnte. Welche tritt ein?

Ich habe ernsthaft überlegt, ganz brutal zu spoilern. Auf Seite 87 sagt nämlich der Ich-Erzähler:
„Das weiß ich auch, daß es nur diese vier Möglichkeiten gibt, Richard. Spannend ist, wie etwas passiert, verstehst du? Wie! Ich will wissen, wie eine dieser vier Möglichkeiten passiert!“

Das ist frech vom Autor. Das ist eine Herausforderung! Eigentlich ist es ja auch meine Meinung. Eine gute Geschichte verträgt es, wenn man das Ende kennt. Aber ich weiß, dass viele Leser nicht dieses Vertrauen in den Autor haben. Dass es ihnen nicht auf das „wie“ ankommt. Das ist schade, aber ich respektiere es. Also doch kein Spoiler. Obwohl es „Sunrise“ ausgehalten hätte. Gut ausgehalten!

Daydreaming and Dreaming
Die LeseLust
Blücher
Artikel 32

Wenn ich das Cover sehe, muss ich an Norah Jones’ „Sunrise“ denken. Mir geht das Lied seit der Lektüre einfach nicht aus dem Kopf – es hat aber mit dem Buch nur den Titel gemeinsam. Und da ich nicht einsehe, dass es euch besser ergehen soll als mir, hier der Song. ;-)

Kommentare zu: "Michael Köhlmeier: Sunrise" (9)

  1. Diese Auseinandersetzung mit einem personifizierten Tod erinnert mich ein wenig an Johannes von Tepls “Der Ackermann aus Böhmen” (zwischen 1400 und 1460 entstanden) bei dem es allerdings um die Diskussion des Todes mit dem Lebenden, Ackermann, geht, der seine Frau geraubt habe.
    Dialogisch aufgebaut formuliert der Ackermann seine Vorwürfe, der Tod sei ein “Grimmiger tilger aller lande, schedlicher echter aller werlte, freissamer morder aller guten leute, ir Tot, euch sei verfluchet! got, ewer tirmer, hasse euch, vnselden merung wone euch bei, vngeluck hause gewaltiglich zu euch: zumale geschant seit immer!”, worauf der Tod antwortet: “Merke, wie die lieblichen Rosen, die starkduftenden Lilien im Garten, wie die kräftigen Kräuter und lust-spendenden Blumen auf den Auen, wie die feststehenden Steine und die hochgewachsenen Bäume in dem wilden Gefilde, wie die kraftbegabten Bären und die stärkegewaltigen Löwen in unheimlicher Wildnis, wie die hochgewachsenen starken Recken, wie die behenden, ungewöhn-lichen, hochgelehrten und allerlei Meisterschaft wohlbeherrschenden Menschen und wie alle ir-dischen Kreaturen, wie klug, wie lieblich, wie stark sie seien, wie lange sie sich erhalten, wie lange sie es treiben, zunichte werden müssen allenthalben.”

    ” […] Über eine eigene unverkennbare Handschrift verfügt er nicht.“

    Wobei ein wiederkehrendes Konzept bzw. eine wiederkehrende Handschrift auch kritisiert wird von feuilletonistischer Seite. Ich habe vor einigen Monaten Erich Hackls “Anprobieren eines Vaters” gekauft und vor der Lektüre nach Rezensionen via perlentaucher.de gesucht und habe eine von Hans Christian Kosler gefunden, der in der NZZ vom 4.9.2004 schreibt: “… habe sich Hackl kein bisschen weiterentwickelt. In der Ballung, die diese Sammlung bedeutet, findet Kosler die meisten “Geschichten statt aufrüttelnd nur redundant”…”

    Die Frage, ob eine Stilistik ständig wandelbar sein, der sprachliche Duktus sich also öfter verändern muss, ist offensichtlich auch eine Diskussion, um subjektive Ansätze oder auch eine Frage der Wahrnehmung. Zum gleichen Sammelband “Anprobieren eines Vaters” schreibt nämlich Martin Halter in der FAZ vom 10.07.2004: “Diese Haltung ist nicht frei von Risiken. Indem Hackl jeder Figur ihre eigene Schreib- und Denkweise beläßt, verlieren seine Geschichten an Unverwechselbarkeit, sprachlicher Leuchtkraft und manchmal auch die Freiheit der Distanz.”

    Vielleicht ist die Frage nach der Stilistik und eigene Handschrift keine, die man mit meinem Bsp. diskutieren kann, sind Erich Hackl bzw. Michael Köhlmeier doch zwei Autoren unterschiedlicher Themenwahl und Arbeitsweise und zudem geht der Vorwurf Löfflers nicht in die Richtung, in die die Kritik innerhalb der Rezensionen geht. Ich wollte dennoch verdeutlichen, wie unterschiedlich die Frage nach “der eigenen Handschrift” beantwortet werden kann.

    Ich möchte dir übrigens für die wunderbare Buchvorstellung danken; “Sunrise” hatte ich bisher noch nicht in der Hand. Ich werde bei der Bibliothek meines Vertrauens einmal fragen, ob sie es vorrätig haben. ;)

    Ein schöne Lesezeit wünscht dir,
    die unbekannte Leserin

  2. leselustfrust schrieb:

    Ich danke sehr herzlich für diese tiefgehenden Überlegungen! Dagegen wirkt meine Besprechung so oberflächlich…

    Von “Sunrise” ist im August bei Haymon eine neue Taschenbuchausgabe erschienen. Zumindest in Wien habe ich die schon in vielen Buchhandlungen gesehen (und deswegen auch nicht widerstehen zu können, zu kaufen).

    Deine Madalyn-Rezension hat mich schwer beeindruckt. Ich bin schon sehr gespannt, was aus deinem Blog wird!

  3. Von „Sunrise“ ist im August bei Haymon eine neue Taschenbuchausgabe erschienen. Zumindest in Wien habe ich die schon in vielen Buchhandlungen gesehen (und deswegen auch nicht widerstehen zu können, zu kaufen).

    Danke für diesen Hinweis! In meiner Wunschliste befindet sich nach wie vor die Verlinkung zur Fischer-Taschenbuch-Ausgabe von 1996.

    Ich bin auch gerade auf der Homepage des Haymon-Taschenbuch-Verlages auf ein anderes Werk von Köhlmeier gestoßen: Trilogie sexueller Abhängigkeiten.
    Hast du dieses zufällig gelesen?

    Und weil ich gerade in deiner Übersicht erkannt habe, dass du dich für Wien interessierst, kennst du vielleicht dieses Büchlein schon, welches ich gerade auch entdeckt habe?
    Wolfgang Morscher/Berit Mrugalska: Die schönsten Sagen aus Wien

    Ich danke sehr herzlich für diese tiefgehenden Überlegungen! Dagegen wirkt meine Besprechung so oberflächlich…

    Dafür sind deine Kommentare kurz, direkt und du verlierst nur wenige Worte über ein Buch, welches dich nicht inspiriert oder kalt gelassen hat. Eine Eigenschaft, die mir sehr fehlt.
    Natürlich freue mich dennoch über das Lob, lasse aber gerne auch eines da ;)

    Liebe Grüße hinterlässt,
    die unbekannte Leserin

  4. Du bist böse :-( – ich habe das Lied gehört und bekomme es nicht mehr aus meinem Kopf. Bestimmt komme ich aus den Geschäften nun mir Norah Jones-CDs raus :-;

  5. leselustfrust schrieb:

    @Nomadenseele: Du warst gewarnt – ich hab doch geschrieben, dass ich das Lied nicht mehr aus dem Kopf kriege. ;-)

    @Unbekannte Leserin: Nein, die “Trilogie” kenne ich nicht. Aber das Cover ist sehr schön, und die Inhaltsangabe auch.

    Jo, ich picke mir bei den Büchern immer das raus, was mich gerade am meisten interessiert. Dass der personifizierte Tod ein altes Motiv ist, ist mir schon klar, aber wenn ich darüber schreiben würde, müsste ich ein bissl recherchieren.
    Das Schöne an Blogs ist ja die vielfältige Herangehensweise.

  6. Du warst gewarnt – ich hab doch geschrieben, dass ich das Lied nicht mehr aus dem Kopf kriege. ;-)

    – Red dich nur raus -.- .

  7. leselustfrust schrieb:

    Nöööö, ich rede mich nicht raus. Die Warnung war hinterhältig. ;-)

  8. Witzig, diese Verbindung zu “deinem” Lied hatte ich auch.
    Der Inhalt des Buches hat mich über längere Zeit begleitet und sehr bewegt. Schlussendlich bin ich dankbar, nie um mein Leben reden zu müssen. Ich neige leider eher dazu, anderen gerne den Vortritt zu geben, um selbst die Arschkarte zu ziehen. Wobei es gäbe dann wieder die ausgleichende Gerechtigkeit, wenn man den Ausgang der Geschichte heranzieht.
    übrigens brauche ich keinen wiedererkennbaren Erzählstil. Mir gefällt seine flüssige Schreibweise und sein inhaltlicher Tiefgang. das genügt.

  9. […] aller Art Leave a Comment  Ich habe momentan eine kleine Köhlmeier-Phase. Nach Madalyn und Sunrise nun also “Dein Zimmer für mich allein”, eine kleine Erzählung, die bei dtv unter “books to […]

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