Arthur Schopenhauer: Die Kunst, recht zu behalten

Jeder gerät manchmal in Diskussionen, die nicht gesittet ablaufen und in denen sich die Diskussionspartner schmutziger rhetorischer Tricks bedienen. Mein Trostbuch in solchen Fällen ist „Die Kunst, recht zu behalten“. Good old Schopis 38 Kunstgriffe sind immer noch die besten! Ich habe sie noch nie aktiv angewendet und ich will das auch nicht tun. Aber es hilft, die Manöver der anderen zu durchschauen und zu benennen. Ist der Diskussionspartner nicht ernsthaft bösartig und/oder gebildet, nutzt es in der Regel, auszusprechen wenn zB ein argumentum ad hominem verwendet wurde um wieder zu einem vernünftigen Ton zurückzufinden.

Normalerweise lese ich diesen Text online. Da dies diesmal aufgrund meiner Computerprobleme nicht möglich war, habe ich mir endlich das Buch gekauft. Es wurde auch wirklich Zeit! Vom Anaconda-Verlag gibt es eine sehr günstige Hardcover-Ausgabe, bei der ich noch dazu das Cover sehr hübsch finde.

Und der Inhalt? Ich möchte euch nur ein paar Beispiele geben:

Kunstgriff 8
Den Gegner zum Zorn reizen: denn im Zorn ist er außerstand, richtig zu urteilen und seinen Vorteil wahrzunehmen. Man bringt ihn in Zorn dadurch, dass man unverhohlen im unrecht tut und schikaniert und überhaupt unverschämt ist.

Kunstgriff 16
Argumenta ad hominem oder ex concessis. Bei einer Behauptung des Gegners müssen wir suchen, ob sie nicht etwa irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar, im Widerspruch steht mit irgend etwas, das er früher gesagt oder zugegeben hat, oder mit den Satzungen einer Schule oder Sekte, die er gelobt und gebilligt hat, oder mit dem Tun der Anhänger dieser Sekte, oder auch nur der unechten und scheinbaren Anhänger, oder mit seinem eignen Tun und Lassen. Verteidigt er z. B. den Selbstmord, so schreit man gleich « warum hängst du dich nicht auf ? » Oder er behauptet z. B., Berlin sei ein unangenehmer Aufenthalt : gleich schreit man : « warum fährst du nicht gleich mit der ersten Schnellpost ab ? » Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen.

Kunstgriff 30
Das argumentum ad verecundiam. Statt der Gründe brauche man Autoritäten nach Maßgabe der Kenntnisse des Gegners.

Letzter Kunstgriff
Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlornes Spiel hat)abgeht auf den Streitenden und seine Person irgend wie angreift : man könnte es nennen argumentum ad personam, zumUnterschied vom argumentum ad hominem : dieses geht vom rein objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners : man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation
von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt. Nun frägt sich, welche Gegenregel hiebei für den andern Teil gilt. Denn will er dieselbe gebrauchen, so wirds eine Prügelei oder ein Duell oder ein Injurienprozeß. Man würde sich sehr irren, wenn man meint, es sei hinreichend, selbst nicht persönlich zu werden. Denn dadurch, daß man Einem ganz gelassen zeigt, daß er Unrecht hat und also falsch urteilt und denkt, was bei jedem dialektischen Sieg der Fall ist, erbittert man ihn mehr als durch einen groben, beleidigenden Ausdruck. Warum ? Weil wie Hobbes de Cive, Kap. 1, sagt : Omnis animi voluptas, omnisque alacritas in eo sita est, quod quis habeat, quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de seipso. – Dem Menschen geht nichts über die Befriedigung seiner Eitelkeit und keine Wunde schmerzt mehr als die, die dieser geschlagen wird. (Daraus stammen Redensarten wie « die Ehre gilt mehr als das Leben » usw.) Diese Befriedigung der Eitelkeit entsteht hauptsächlich aus der Vergleichung Seiner mit Andern, in jeder Beziehung, aber hauptsächlich in Beziehung auf die Geisteskräfte. Diese eben geschieht effective und sehr stark beim Disputieren. Daher die Erbitterung des Besiegten, ohne daß ihm Unrecht widerfahren, und daher sein Greifen zum letzten Mittel, diesem letzten Kunstgriff : dem man nicht
entgehen kann durch bloße Höflichkeit seinerseits. Große Kaltblütigkeit kann jedoch auch hier aushelfen, wenn man nämlich, sobald der Gegner persönlich wird, ruhig antwortet, das gehöre nicht zur Sache, und sogleich auf diese zurücklehnt und fortfährt, ihm hier sein Unrecht zu beweisen, ohne seiner Beleidigungen zu achten, also gleichsam wie Themistokles zum Eurybiades sagt : pataxon men, akouson de. Das ist aber nicht jedem gegeben.
Die einzig sichere Gegenregel ist daher die, welche schon Aristoteles im letzten Kapitel der Topica gibt : Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren ; sondern allein mit solchen, die man kennt, und von denen man weiß, daß sie Verstand genug haben, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen ; und um mit Gründen zu disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und um auf Gründe zu hören und darauf einzugehn ; und endlich, daß sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und Billigkeit genug haben, um es ertragen zu können, Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der andern Seite liegt. Daraus folgt, daß unter Hundert kaum Einer
ist, der wert ist, daß man mit ihm disputiert. Die Übrigen lasse man reden, was sie wollen, denn desipere est juris gentium, und man bedenke, was Voltaire sagt : La paix vaut encore mieux que la vérité ; und ein arabischer Spruch ist : « Am Baume des Schweigens hängt seine Frucht der Friede. »

Schön, nicht? Und so nützlich! Lest es!

Schopenhauer – Wikipedia Artikel
Eristische Dialektik – Wikipedia Artikel
38 Kunstgriffe kommentiert
Anaconda Verlag

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3 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer: Die Kunst, recht zu behalten

  1. entegut schreibt:

    Immer wieder online hineingelesen und sehr treffend. Sehr interessant alle Formen der schönen und schwarzen Kommunikation zu kennen, dadurch ist man ein wenig gewappnet.

    Hast du schon mal „Über die Weiber“ von Schopenhauer gelesen? Würde er in unserer Zeit leben, dann wäre er beim ersten Mal Luft holen zerrissen worden. 🙂

    http://tiny.cc/o4of3

  2. leselustfrust schreibt:

    Tjo, diese klugen Herren waren allesamt entsetzlich frauenfeindlich. Auch eine Methode, sich Konkurrenz vom Leib zu halten. 😉

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