Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für 2. Oktober 2009

Ferdinand von Schirach: Verbrechen

Ferdinand von Schirach ist Anwalt, genauer Verteidiger in Strafsachen. Zu seinen Mandanten gehören auch Prominente, doch in diesem Buch erzählt er von anderen Fällen. Elf „Stories“ aus dem Anwaltsleben, und alle sind laut Klappentext wahr. Nun, das glaube ich nicht so ganz. Einen wahren Kern gibt es gewiss, aber ich nehme an, dass einiges an dichterischer Freiheit dazu kam. Das merkt man auch daran, dass Schirach immer wieder Gedanken von Personen einfließen lässt, auch von den Mordopfern. Also Dinge, er nicht wissen kann, sondern dazu erfinden musste. Eine gewisse Verfremdung ist ohnehin der Verschwiegenheitspflicht geschuldet.

So zB in der Geschichte „Der Igel“, in der ein vermeintlicher Dummkopf die Justiz geschickt austrickst. Sehr fein erzählt, keine Frage, aber ich halte diese Story eher für gut erfunden, ein interessantes Gedankenspiel. Dass jemand ein Parallelleben, das dank zweiter Adresse, mehrer Bankkonten und Studienabschluss eindeutige Spuren hinterlässt, nicht nur vor seiner Familie, sondern auch vor dem Gericht verstecken kann, mag zwar möglich sein, aber tatsächlich passiert? Und wenn es so passiert ist, wieso hat dieser schlaue Mensch sich überhaupt jemanden, selbst wenn es der Anwalt ist, anvertraut?

Egal, auf die Qualität des Buches hat dies keinen Einfluss. Alle elf Stories sind spannend, intensiv, außergewöhnlich und eine interessante Lektüre, die den Leser nachdenklich zurück lässt. Stilistisch hält sich der Autor oft sehr nahe an die Sachverhaltserzählung eines Urteils oder eines Schriftsatzes, auch wenn es immer wieder geschickt eingeflochtene emotionale Bemerkungen gibt.

Was mich besonders freut: Schirach demonstriert, wie gutes Juristendeutsch aussieht. Klar, präzise auf den Punkt gebracht, perfekt strukturiert.

Was mir allerdings fehlt, ist ein Vor- oder Nachwort. Manchmal lässt Schirach zwar juristische Informationen einfließen, allerdings eher spärlich. Eine kurze Erklärung über den Ablauf vor Gericht wäre sicherlich gut gewesen. Vor allem die, dass ein Anwalt parteiisch ist (einen kurzen Satz dazu gibt es in einer der Geschichten). Diesen Blickwinkel verlässt der Autor nämlich in keiner der Geschichten, auch wenn sie auf den ersten Blick sehr objektiv wirken. Er steht immer auf der Seite des Mandanten – und das ist auch gut so.

Besonders deutlich wird dies in der ersten Geschichte, „Fähner“. Es geht um einen Arzt, der seine Frau nach langen Ehejahren äußerst grausam ermordet. Ich zolle Schirachs Argumentation, die das Opfer zum Täter macht, höchsten Respekt. Sie ist lückenlos und logisch aufgebaut. Man muss sehr genau hinsehen um zu bemerken, dass die Eckpunkte – der Schwur und das Eheleben – nicht beweisbar sind, da sie sich ausschließlich im Innenverhältnis der Eheleute zugetragen haben. Wer in dieser Ehe der Stärkere war, lässt sich deutlich aus der Prozessbeschreibung erkennen, wenn die gesamte Stadt zum Mörder hält. Welche Chance hatte das Opfer?

Mit den rechtsphilosophischen Überlegungen zu diesem Fall kann ich mich überhaupt nicht anfreunden, aber es ist eben Aufgabe des Anwalts, auch aus einem eindeutigen Fall samt Geständnis noch etwas zu machen.

Die Leseeindrücke bei „Vorablesen“ lassen sich mich allerdings an der Sinnhaftigkeit von Laiengerichtsbarkeit heftig zweifeln…

Fazit: ein beeindruckendes Buch, sowohl vom Stil als auch vom Inhalt her. Mehr davon!

vorablesen
Interview mit dem Autor – faz.net
WDR
Titel Magazin
berlinkriminell.de
eselsohren

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