Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für Oktober, 2009

Zwei Hörspiele

Ich bin noch immer schreibfaul. Für zwei Hörspiele, die jeweils nur knapp über eine Stunde dauern, lohnt aber eine längere Besprechung auch nicht wirklich. Deswegen gibt es nur kurze Kommentare.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch in dieser Version: kurzweilig und amüsant. Manche Charaktere hätte ich mir detaillierter gezeichnet gewünscht, ob das an der Hörspielfassung liegt oder eine Schwäche des Buches ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Gelegentlich doch sehr klischeehaft, aber eine fesselnde Geschichte.

Bram Stoker: Dracula in dieser Version: elegant und faszinierend. Fein gemacht. Düster, aber nur unterschwellig bedrohlich – und es zeigt noch deutlicher, von welch minderer Qualität die aktuellen Vampir-Bücher sind.

Zoe Ferraris: Totenverse

Der Originaltitel lautet „City of Veils“ („Stadt der Schleier“), und wieder einmal ist es mir ein Rätsel, wie es zum deutschen Titel kam. Eigentlich passt der gar nicht zur Geschichte:

Die junge Filmemacherin Leila wird tot und grausam entstellt am Strand von Dschidda gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass sich Leila sowohl durch ihre Art als auch durch ihre Arbeit jede Menge Feinde gemacht hat.
Zeitgleich kehrt Miriam Walker von einem Heimaturlaub in den USA in das für sie kaum erträgliche Leben in Dschidda zurück. Kurz darauf verschwindet ihr Mann Eric spurlos. Gibt es einen Zusammenhang?
Und natürlich gibt es ein Wiedersehen mit der Pathologin Katya und dem Wüstenführer Nayir aus “Die letzte Sure“. Nayir hat’s vermasselt, er und Katya hatten monatelang keinen Kontakt. Aber jetzt kümmern sie sich wieder gemeinsam um einen Fall, und es knistert gewaltig. Spannend, wie Nayir mit seiner religiösen Weltanschauung, die nicht ganz zu seinen Gefühlen für die moderne Katya passt, kämpft.
Diesmal gibt es noch ein weiteres interessantes Paar: Katyas Chef Osama und seine Frau Fahu haben Eheprobleme nachdem Osama entdeckte, dass seine Frau heimlich die Antibabypille nimmt und keine weiteren Kinder will.

Die Beschreibungen des Alltags in Dschidda sind auch im zweiten Band wunderbar gelungen. Wieder schafft es die Autorin, dem Leser eine fremde Welt ohne Wertung und doch plastisch vor Augen zu führen. War die Amerikanerin Miriam im Flugzeug noch eine selbstbewusste Frau, wird sie schon am Flughafen eine andere. Sie findet sich im Raum für unbegleitete Frauen und muss warten bis ihr Ehemann sie abholt. Katya hat zwar jetzt einen besseren Job, aber sie musste dafür behaupten, verheiratet zu sein. Und Leilas Bruder hat einen Dessousladen, in dem Männer als Verkäufer angestellt sind – was für ein Widerspruch!

Sehr gespannt war ich, wie Ferraris die Beziehung von Katya und Nayir in „Totenverse“ gestalten wird. Immerhin sind sie sich am Ende von „Die letzte Sure“ schon sehr nah gekommen. Die Lösung, die beiden sozusagen wieder bei Null beginnen zu lassen, ist gut gelungen und passt zu Nayirs Charakter.
Schade finde ich allerdings, dass Katya eine relativ kleine Rolle spielt. Ab der Hälfte des Buches taucht sie nur selten auf, allerdings gibt es am Schluss noch eine sehr interessante Szene, die ich hier nicht verraten möchte.

Fazit: ein intelligenter Krimi bei dem die Alltagsbeschreibungen mindestens ebenso spannend sind wie die Aufklärung der Morde. Den ersten Band sollte man für den vollen Genuss allerdings kennen. Ich freue mich schon auf das dritte Buch.

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Büchereule

Hörbuch: Mary Shelley’s “Frankenstein”

Ja, ihr habt richtig gelesen: Hörbuch. Bis jetzt habe ich mich für Audiobooks ja nicht sonderlich interessiert. Das einzige Mal, als ich mir dachte, das könnte auch etwas für mich sein war, als ein Kollege während einer längeren Dienstreise im Zug gemütlich sein Hörbuch hörte und dabei den Ausblick genießen konnte während ich mich zwischen Lesen und Gucken entscheiden musste.

Heuer habe ich mir allerdings vorgenommen, dem Herbst-Winter-Blues keine Chance zu geben, besser auf meine Ernährung zu achten (ernsthaft mindestens fünf Obst- und Gemüseportionen am Tag essen, genug trinken, eben diese ganzen WHO-Empfehlungen) und mehr an die frische Luft zu gehen. Das funktioniert seit ein paar Wochen ganz gut, aber damit ich auch dran bleibe, kommen die Hörbücher zum Einsatz. So bin ich gleich viel motivierter, auch bei schlechtem Wetter brav rauszugehen.

Momentan experimentiere ich noch. Nicht alles ist für meine Zwecke geeignet – Ingeborg Bachmanns Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ braucht zB mehr Konzentration, das werde ich mir daheim anhören müssen. Über Tipps würde ich mich daher sehr freuen!

Wunderbar funktioniert hat aber Mary Shelly’s Frankenstein, in dieser Version (Gratis-Download). Die Sprecher sind Patrick Imhof und Thomas Dehler, beide haben angenehme Stimmen, denen ich gerne zugehört habe.

Ich kannte das Buch überhaupt nicht. Keine Ahnung, warum ich es noch nicht gelesen habe, es ist doch ein Klassiker der Horror-Literatur und Frankenstein ein Monster, das jeder kennt.

Die Geschichte: Robert Walton ist auf einer Nordpol-Expedition, auf der er auf Victor Frankenstein trifft. Letzterer erzählt ihm seine Geschichte, wie er von Ehrgeiz getrieben ein Wesen erschaffen hat. Der „Dämon“ verfolgt ihn nun, tötet seine Lieben und verlangte eine Gefährtin.

Erzählt wird zum Teil in Briefform, zum Teil von einem Ich-Erzähler. Mich hat die psychologische Tiefe überrascht und die Vielfältigkeit der Interpretationsmöglichkeiten. Shelley deutet sehr wohl an, dass Frankensteins Geschichte nicht real sein könnte, immer wieder wird beschrieben, dass Frankenstein nicht psychisch gesund sein kann. Das Monster selbst ist nicht ursprünglich böse, sondern ein Getriebener. Böse wird es auch erst durch die Darstellung seines Schöpfers, der die durchaus verständlichen Forderungen und die dazugehörigen Erklärungen als Beredsamkeit einer schlechten Kreatur abtut.
Die Moral – Warnung vor unkontrolliertem Forschen – ist zwar sehr klar erkennbar, aber nicht meine. Für mich ist der Aspekt, dass es zur Katastrophe nicht durch die Forschung an sich, sondern durch Frankensteins unkorrigierbarer Meinung, ein Monster geschaffen zu haben, kommt, wichtiger.

Ich vermute, dass ich das Buch, hätte ich es gelesen, abgebrochen hätte. Zu detailverliebt, zu umständlich, zu sehr seiner Entstehungszeit verhaftet. Vorgelesen konnte sich aber der Zauber des Textes voll entfalten.

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Wikipedia zum Roman
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Kritik von Dieter Wunderlich zum Roman

Nick Hornby: Juliet, Naked

Tjo. Bei Wolf Haas verfällt man bei der Buchbesprechung gern in den typischen Brenner-Ton, es ist nur allzu verlockend. In „Juliet, Naked“ spielen zwei unterschiedliche Rezensionen eines Albums eine große Rolle, ergo möchte man gern der sein, der die „richtige“ Interpretation erwischt. Eine böse Falle.

Die Story: Duncan und Annie sind seit fünfzehn Jahren ein langweiliges Paar. Duncans größte Leidenschaft ist Tucker Crowe, ein Singer/Songwriter, der seit den 80ern keinen Ton mehr von sich gegeben hat. Bis plötzlich doch ein Album erscheint, eben „Juliet, Naked“. Annie und Duncan sind darüber völlig unterschiedlicher Meinung, und beide veröffentlichen sie auch im Internet. Tucker schreibt Annie eine Mail, und von da an passiert einiges: Duncan trennt sich von Annie wegen seiner neuen Kollegin Gina, und Annie korrespondiert heimlich mit Tucker.
Zum Ende sei nur so viel verraten: es ist unbefriedigend und ziemlich offen.

Ein typisches Nick-Hornby-Buch also, es geht um Musik, Fans und Beziehungen. Routiniert geschrieben, mit einigen wirklich witzigen Momenten. Ich hab’s gern gelesen, ich wurde gut unterhalten, ich mag Nick Hornby nach wie vor, aber… Eben aber. War Hornbys Frauenbild immer schon so antiquiert, oder fällt mir das das erste Mal auf? Muss die ca vierzigjährige Annie wirklich so unbedingt klassisch-klischeehaft ein Kind wollen? Muss Duncan ein derart engstirniger Idiot sein? Warum ist Tucker zuerst so fasziniert von Annies Mails und dann ohne jede Erklärung so distanziert? Dazu noch das enttäuschende Ende.

Fazit: nette Unterhaltung, aber ich habe mir mehr erwartet

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Ilija Trojanow & Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit

Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte

Seit ein paar Tagen drücke ich mich davor, etwas zu diesem Buch zu schreiben. Nicht weil es schlecht ist, das nicht. Ganz im Gegenteil. Aber wie bespricht man ein Buch, das die eigene Meinung so punktgenau trifft? Mir macht die sogenannte „Terrorabwehr“ längst mehr Angst als der Terror selbst. Plötzlich findet es kaum einer mehr seltsam, dass die Unschuldsvermutung in bestimmten Fällen nicht mehr gelten soll. Fehlt es denn so sehr an Fantasie, dass man sich nicht vorstellen kann, selbst, als unschuldiger Bürger, unter Verdacht zu geraten? Plötzlich ist Folter wieder etwas, das man in Betracht ziehen kann. Hat nicht die Geschichte längst gelehrt, dass unter Folter erpresste Geständnisse wertlos sind?

Und im Alltag: wie komme ich dazu, mich in der U-Bahn oder anderswo einer Überwachunsgkamera auszusetzen? Den Satz, wer nichts zu verbergen habe, brauche nichts zu fürchten, kann ich nicht mehr hören. Gerade weil ich nichts zu verbergen habe, habe ich das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Abgesehen davon, dass die Videoüberwachung eh nix nützt.

Ilija Trojanow und Juli Zeh behandeln in „Angriff auf die Freiheit“ genau diese Themen. Aber, wie schon oben geschrieben: eine kritische Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen ist mir nicht möglich, zu sehr trifft es meine Meinung. Und da kann es schon passieren, dass man Dinge übersieht. Ich habe zB die Polemik, die andere Rezensenten wahrgenommen haben, nicht bemerkt. Für mich ist es ein leidenschaftliches, klares Eintreten für Grundrechte. Etwas, das bitter not tut.

Ach ja, und mir gefällt’s, dass Juli Zeh diesmal nicht einen Roman mit blutleeren Figuren rund ums Thema konzipiert hat, sondern mit eigener Stimme spricht. Funktioniert viel besser.

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Surveillance Studies
sciencegarden

Gewinner

Die Verlosung des Mazzesinsel Kochbuch von Katja Sindemann ist abgeschlossen. Hubert K. bekommt das Buch – es ist schon unterwegs. Herzlichen Glückwunsch!

Ernst Molden: Wien. Hinweise zum Umgang mit einer alten Seele

Schon wieder ein Wien-Buch, werdet ihr sagen. Aber das hier ist wirklich etwas Besonderes! Nach ”Austreiben” wollte ich mehr von Molden lesen, und ein Wien-Buch wirkt immer anziehend auf mich.

Molden als „Reiseführer“ ist wunderbar. Persönlich, poetisch, originell, kenntnisreich. Dazu gibt es noch beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotos von Nikolaus Similache.
Worum geht es? Der Leser begleitet den Autor ins unvermeidliche Kaffeehaus, zum Donauturm, ins Haus des Meeres, in die „Zauberklingel“, sogar zu außergewöhnlichen Bällen und an viele andere Orte. Man bekommt Ratschläge zum Straßenbahnfahren und für trübe Tage, erfährt einiges über Moldens (und durchaus auch die Wiener) Lebensart, über Greißler oder über Wiener Engel.
Beschreiben lässt sich das schwer, Moldens Tonfall kann man nicht wiedergeben.

Lesenswert für jeden, der Wien mag.

Verlagsseite
Falter
Wiener Zeitung „Die Stadt im Spiegel der Bücher“

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