David Nicholls: Zwei an einem Tag

Dex und Em, Em und Dex. Obwohl Emma und Dexter in der gleichen Stadt studiert haben, lernen sie sich erst nach der Abschlussfeier so richtig kennen. Eine lebenslange Freundschaft entsteht – oder doch mehr? Über die nächsten zwanzig Jahre beobachtet Nicholls jeweils am Jahrestag ihres Kennenlernens, am 15. Juli, wie es mit ihren Leben weiter gegangen ist. Manchmal verbringen sie diesen Tag zusammen, manchmal getrennt. Die Entwicklung der beiden läuft unterschiedlich, Emma schlägt sich zunächst mit nicht adäquaten Jobs durch um schließlich doch Ordnung in ihr Leben zu bringen. Dexter lebt ziellos, macht Karriere als Fernsehmoderator und erlebt einen beruflichen Absturz.

Ich muss gestehen, ich war nicht so begeistert von dem Buch, zumindest nicht so sehr wie die meisten anderen Rezensenten. Die Idee, immer an einem bestimmten Tag das Leben der beiden Protagonisten zu beleuchten, ist wunderbar. Nicholls nützt die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nämlich Unwichtiges und Langweiliges wegzulassen, auch sehr gut aus. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass Emma und Dexter etwas weniger klischeehaft dargestellt werden. Dexter ist so typisch der reiche, verwöhnte Junge, reist in der Welt herum, wird ein saufender Fernsehmoderator und Womanizer, während Emma zuerst in einem furchtbaren Restaurant jobbt und dann ihren Traum vom Schreiben verwirklicht – das ist wirklich sehr abgedroschen. Und – Achtung Spoiler! (weitere werden folgen) – natürlich kommen sie in Paris zusammen, wo sonst?
Während ich bei der Beschreibung der ersten Nacht an „Before Sunrise“ denken musste, drängte sich hier „Before Sunset“ auf. Ein bisschen „Love Story“ ist drin, ein bisschen „Harry und Sally“, eine Spur „Love Letters“. Nun, nicht die schlechtesten Bücher, Filme und Stücke, um sich daran zu orientieren. Nur scheint mir, die Originalität des Buches erschöpft sich im formalen Aufbau.

Der Ton ist durchaus hübsch getroffen. Anfangs die Ungewissheit, wie es mit dem Leben weitergeht, aber auch die Leichtigkeit, später die Enttäuschungen und Trauer.
Eigentlich muss es jedem Leser klar sein: wenn der Autor einen so eindeutig umrissenen Zeitraum wählt, dann kann es nicht gut ausgehen, dann muss einer von beiden sterben. Aber diese Tragik braucht der Roman auch.

Noch eines: der Covertext spricht von „zwei eigentlich füreinander bestimmten Menschen“. Erfreulicherweise kommt dieser Aspekt nicht vor – kein Schicksal, keine esoterische Bestimmung, bloß zwei Menschen, die immer wieder zu feig oder zu stolz oder zu beschäftigt sind, um zu ihren Gefühlen zu stehen oder sie überhaupt zu erkennen.

Fazit: Die meiste Zeit geht es eher um Freundschaft als um Liebe, deswegen wird es auch nur selten schnulzig oder kitschig. Die Struktur des Romans ist originell, die Charaktere leider weniger.
Als Sponsionsgeschenk ist das Buch sicherlich bestens geeignet.

Website zum Buch
WDR 2
Berliner Literaturkritik
Büchertreff
Mittetschnitte
Papiergeflüster


„St. Swithin’s Day“ von Billy Bragg wird in den Danksagungen erwähnt

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