Eva Jancak: Das Haus

Eva Jancak wurde 1953 in Wien geboren und studierte Psychologie. Seit 1973 arbeitet sie auch schriftstellerisch (Erzählung, Novelle, Roman, zwei Fachbücher).

„Das Haus“ ist das Wiener Otto Wagner Spital, ein psychiatrisches Krankenhaus, das in seiner Geschichte schon mehrmals umbenannt wurde. Dieses Spital spielt in der Erzählung eine ebenso wichtige Rolle wie die vier Frauen, deren Leben erzählt wird.
Klara Gerstingers Vater wurde die Nachricht von der Geburt der Tochter während der Eröffnungsfeier des Spitals 1907 überbracht. Ebenso wie er studierte sie Medizin und wurde die erste Primaria in eben diesem Haus. Eine Berufswahl, der auch ihre Tochter Johanna und ihre Enkelin Sarah folgten. Und doch haben alle diese Frauen ihre Rolle als Psychiaterinnen anders gelebt, nicht nur bedingt durch die Zeit, in der sie lebten.
Klara stirbt 100jährig am Tag, an dem auch das Jubiläum der Klinik begangen wird.

Hundert Jahre, in denen sowohl in der Psychiatrie- als auch in der Frauengeschichte viel passierte. Als ich die Inhaltsangabe las dachte ich, dass dies nicht gut gehen kann. Beide Themen interessieren mich, aber wie soll das auf so kurzem Raum untergebracht werden?
Es geht aber überraschend gut, was wohl auch am Plauderton der Autorin liegt. Nur im Prolog, in dem es um die Hundertjahrfeier geht, wird man als Leser mit vielen Namen und Personen überschwemmt. Später, wenn Kapitel für Kapitel die Lebensgeschichten der Frauen erzählt werden, ist es aber einfach, den Überblick zu wahren.

Eine leichte Spannung ergibt sich dadurch, dass Johannas Vater nicht der Ehemann von Klara war und sie dies ihrer Tochter nie erzählte. Wird Johanna die Wahrheit noch nach dem Tod der Mutter entdecken?

Gut gelöst fand ich auch die Problematik der nationalsozialistischen Gräuel. Diese werden durch die Augen des Kindes Johanna, das noch gar nichts versteht, gezeigt. Später wird Johanna eine kritische Ärztin, die darunter leidet, dass sowohl der Großvater als auch der vermeintliche Vater NSDAP-Mitglied waren und ihre Mutter über vieles Bescheid wusste. Aber die Autorin macht es sich nicht einfach, sie drängt Klara nicht in die Rolle der „bösen Täterin“, und sie verharmlost auch nicht.

Für die Enkelin Sarah ist die berufliche Rolle geprägt durch Personalknappheit, die private durch ihr Kind, das sie allein erzieht. Klaras Urenkelin Naomi ist der Epilog gewidmet: die Schülerin geht, nicht wissend, dass die Urgroßmutter gestorben ist, fröhlich ein Geburtsgeschenk kaufen und rückt durch ihre Sichtweise einiges von Sarahs Ansichten zurecht. Ein versöhnlicher Schluss.

Homepage von Eva Jancak
Blog der Autorin
”Zwei neue Bücher von Eva Jancak”
Geschichte des Otto-Wagner-Spitals

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9 Gedanken zu “Eva Jancak: Das Haus

  1. Schönen Dank für die Besprechung. Bezüglich kurz, kann man die Entstehungsgeschichte im Literaturgeflüster nachlesen, denn es sollte eigentlich ein ganz langer, dicker Roman werden…
    Am Montag 21. 9. gibts noch eine Buchpräsentation im Read!!ingroom, gemeinsam mit dem Roman „Die Radiosonate oder das einsame Jahr“ um 19. 30 in der Anzengrubergasse 19/1, 1050 Wien
    Jetzt komme ich gerade von „Rund um die Burg“, da habe ich Ihnen, glaube ich, gestern zugewinkt.

  2. leselustfrust schreibt:

    Ich hab bei „Rund um die Burg“ zwar nach Ihnen Ausschau gehalten, aber ich konnte Sie in der Menschenmasse nicht entdecken. Mir war’s zuviel: zu viele Leute, zu stickig, und den Portisch hab ich auch fast nicht verstanden.

      1. gilfaen schreibt:

        Irgendwie üben Bücher über Häuser bzw. allgemein über Gebäude eine sehr große Anziehung auf mich aus; das mag an der eigenen Neugier liegen, fremde Welten und auch die des eigenen Hauses kennen lernen zu wollen. Jedes Haus hat seine Geschichte und wenn ich mir vorstelle, wie Personen in diesem oder jenem Haus früher gegessen, getrunken, sich geliebt, geschlafen, einfach gelebt haben, dann spüre ich ein angenehmes Prickeln – dieses Gefühl eine Geschichte zu entdecken bzw. neue Menschen kennen zu lernen.

        Wenn du dich im übrigens für Häuser interessierst: „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck kann ich dir hier sehr ans Herz legen:

        Ein Haus an einem märkischen See: Es ist der Schauplatz für fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden ein Panorama des letzten Jahrhunderts, das verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt.

        In diesem Sinne danke ich dir für die Buchempfehlung; das Buch wird bestellt.

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