Lisa Tuttle: Das geheime Land

Ich mag Fantasy-Romane, die sich an bestehende Legenden anlehnen. In „Das geheime Land“ spielt die Geschichte von Etain und Mider, ein irisches Heldenepos, eine zentrale Rolle. Erster Pluspunkt. Der zweite: es kommt überhaupt kein Vampir vor, weder sexy noch hässlich noch sonst was.

Ian Kennedy ist Privatdetektiv. Hübsch aus dem Heftchenklischee entsprungen: eher erfolglos, von der Freundin verlassen, geprägt davon, dass sein Vater die Familie einfach so verlassen hat. Deswegen beschäftigt er sich auch mit verschwundenen Menschen, mit geheimnisvollen Fällen bis weit in die Vergangenheit zurück.
Aktuell ist er von der attraktiven Laura damit beauftragt, ihre vor zwei Jahren verschwunden Tochter Peri zu finden. Dieser Fall ähnelt seinem ersten, als er ebenfalls eine junge Frau, Amy, suchte. Bei Amy war er erfolgreich und konnte sie schließlich aus der Anderwelt zurückholen. (Die Szene, in der er Amy erlöst, wird Marzi-Fans an „Du glaubst doch an Feen, oder?“ erinnern.)
Peri identifizierte sich mit der irischen Sagengestalt Etain, die Geschichte ihres Verschwindens spiegelt die alte Legende in moderner Form wider.
Das Ende möchte ich hier nur andeuten, nur so viel: es ist enttäuschend hastig, nicht alle Handlungsstränge werden sauber aufgelöst, und Peris Handeln ist einfach nicht nachvollziehbar. Während die verschwundene Peri eine starke Figur ist, ist die wiederaufgetauchte farblos und langweilig.

Tuttle hat den Roman sorgfältig aufgebaut. Sie blendet immer wieder in die Vergangenheit, erzählt zB ausführlich vom Scheitern Ians in seiner Beziehung. Immer wieder sind Kapitel eingestreut die sich mit verschwunden Personen befassen. Lassen diese Geschichten anfangs noch mehrere Deutungen zu, beziehen sie sich am Ende immer klarer auf das Elfenreich. Das ist zwar grundsätzlich recht hübsch, aber warum diese Exkurse auch noch mitten ins spannende Finale hineinplatzen müssen, verstehe ich nicht.
Eine ausgefeilte, genau beschriebene Parallelwelt darf man sich nicht erwarten. Die Geschichte spielt in unserer Realität, an die Anderwelt wird meist mittels Erzählungen aus zweiter Hand gestreift und nur sehr selten direkt. Es ist mehr ein Detektiv-Roman mit mystischen Elementen als Fantasy.

Fazit: Angesichts des von Schund überschwemmten Marktes muss man inzwischen über jedes halbwegs anständig geschriebene Fantasy-Buch froh sein. „Das geheime Land“ hat zwar einige Schwächen (der Beginn ist langatmig, Ian das pure Klischee, das Ende zu hastig), die Verarbeitung einer existierenden Legende ist aber gar nicht so schlecht gelungen.

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