A.R. Gurney: Love Letters

Für nähere Informationen zum Autor verweise ich auf Wikipedia. „Love Letters“ stammt aus 1989 und wurde 1990 für den Pulitzer Preis nominiert.

Ich hatte von diesem Stück überhaupt noch nichts gehört, es aber vor ein paar Tagen im Theater in der Josefstadt mit Sandra Cervik als Melissa Gardner und Herbert Föttinger als Andrew Makepeace Ladd III gesehen.

Ein Zwei-Personen-Stück also. Melissa und Andy schreiben sich von Kindheit an Briefe. Die beiden stammen aus befreundeten Familien, wobei Melissa deutlich wohlhabender als Andy ist. Der Briefwechsel beginnt damit, dass sich Andy für eine Geburtstagseinladung bei Melissas Mutter bedankt, es folgen jede Menge Briefchen unter der Schulbank. Später kommen beide ins Internat und sehen sich gelegentlich in den Ferien. Manchmal reißt der Kontakt über längere Zeit ab, manchmal besteht er nur aus Weihnachtskarten, aber im Wesentlichen bleiben die beiden ihr Leben lang auf diese Weise in Verbindung. Melissa findet keinen rechten Platz im Leben, widmet sich der Kunst, verliert das Sorgerecht für ihre Töchter, wird alkoholabhängig. Andy macht zielstrebig Karriere als Jurist und Politiker, und betrügt doch eines Tages seine Frau mit Melissa.
Das Stück endet nicht gut.

Unerträglich kitschig finde ich, wie Melissa nach ihrem Selbstmord Andys letzten Brief (wieder an ihre Mutter) kommentiert. Andy, dem die Wahlen wichtiger als Melissa waren, gesteht nun seine Liebe zu ihr. Und sie bedankt sich dafür! Streicht man diese Passage, bleibt aber ein berührendes Theaterstück. Die Entwicklung der Figuren gelingt dem Autor wunderbar. Ich finde es faszinierend, wie aus den niedlichen Kindern zwei ziemlich unsympathische Erwachsene werden, und doch verfolgte ich deren verkorkste Liebesgeschichte mit Spannung und Anteilnahme.

Trotzdem vermute ich, dass dies die Art Theaterstück ist, die selbst gelesen noch besser wirkt weil man so das Tempo selbst bestimmen kann.
Eigentlich war’s mehr eine Lesung als Theater: beide Schauspieler hielten Papierblätter in der Hand und lasen meistens den Text daraus vor. Das mag ja ganz passend sein, besteht doch das ganze Stück aus Briefen, die beiden reden nie miteinander, sie lesen die Briefe vor. Nicht passend war auf jeden Fall, dass sich sowohl Föttinger als auch Cervik mehrmals verhaspelten.

Der Vergleich zu der Theaterfassung von „Gut gegen Nordwind“ ist nahe liegend, und hier tragen die Schauspieler den Text frei vor. Definitiv die bessere Variante.

Dieser Vergleich zwischen beiden Stücken drängt sich einfach auf. „Love Letters“ ist sicherlich komplexer, schon allein dadurch, dass hier die gesamte Lebensgeschichte behandelt wird und sich die beiden Liebenden auch persönlich kennen. Bei beiden Aufführungen war das Bühnenbild relativ schlicht, in beiden Fällen kommunizierten die Schauspieler niemals direkt, sondern durch Briefe bzw Mails. Mein persönlicher Eindruck: „Love Letters“ ist das bessere Stück, aber besser gespielt wurde in „Gut gegen Nordwind“.

Ich empfehle aber allen Fans von „Gut gegen Nordwind“, sich auch „Love Letters“ anzuschauen und sich selbst eine Meinung zu bilden. Ist sicher interessant!

Theater in der Josefstadt
Herbert Föttinger
Sandra Cervik
Wiener Zeitung

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