Catherine Siguret: Drei Tage und drei Nächte

Gleich vorweg: das Buch ist vergriffen, die für September geplante Taschenbuchausgabe wird nicht aufgelegt (ich habe direkt beim Verlag nachgefragt).

Ich habe diesen Roman unbedingt lesen wollen weil mich der Klappentext faszinierte: „Wie kann es Alice gelingen, aus ihrem Leben einen Roman zu machen? Wie kann aus der Fiktion Realität werden?“
Ausgemalt habe ich mir, dass hier ein interessantes literarisches Spiel entsteht, eine Vermischung von Fiktion und Realität, eine Art „ich schreibe mir mein Leben um, genau so, wie es mir passt.“ Schreiben, um zumindest im Text das zu bekommen was man sich wünscht, ein literarischer Gegenentwurf, der schlussendlich in der Realität mündet.
Gibt es Bücher mit Motiven, die diesen Vorstellungen ähnlich sind? Genre egal, Qualität egal, habt ihr Ideen oder Vorschläge?

Die Inhaltsangabe der Wiener Büchereien hätte mir Warnung genug sein sollen: „Für die anspruchsvolle Leserschaft wird dieser Frauen- und Liebesroman aufgrund des kitschigen, psychologisierenden Stils nur schwer genießbar sein.“ Als hätte ich mich jemals warnen lassen….

Der Inhalt:
Zufällig trifft Alice, 32 Jahre alt, erfolgreiche Ghostwriterin, eine Frau, die ihr Leben im Griff hat, auf den Schriftsteller Philippe Musil (Musil! Drunter ging es wohl nicht?), attraktiv, intelligent, ein Womanizer und dank seiner immensen Buchverkäufe superreich, und verknallt sich auf der Stelle in ihn. Als sie – in drei Tagen und drei Nächten – seine Bücher liest, stellt sie fest, dass er ihr Leben, ohne sie zu kenne, perfekt bis ins kleinste Detail portraitiert hat. Eine komplizierte Liebesgeschichte beginnt. Alice ist besessen von ihm, er fängt an, ihr nachzuspionieren. Und beide schreiben über diese Geschichte. Am Ende geht natürlich alles gut aus.

Dieser Roman ist übelster Kitsch. Nicht nur, dass Alices und Philippes Verhalten komplett durchgeknallt ist und mehr krankheitswertig als sonst etwas. Wie kann man nur einen Mann, der einer Frau sogar mittels Detektiv nachspioniert, als begehrenswert darstellen? Wie kann man Alices Besessenheit als Verliebtheit bezeichnen?
Enttäuschend war auch, dass auf das Buch, das Alice über diese Liebe schreibt, nicht näher eingegangen wird. Schade.

Ansonsten: schwülstige Beschreibungen, Kitsch, überladen, pseudo-psychologisch, und nicht einmal humorvoll oder ironisch.

Am schlimmsten ist die Erzählperspektive, die ist nämlich rettungslos verunglückt. Eigentlich ist es eine Ich-Erzählerin, eine Freundin Alices. Die allwissenden Züge sind aber stark ausgeprägt, die Perspektive der Freundin wird nicht im Entferntesten eingehalten. Einmal wird aus der Sicht von Alice erzählt, was ja noch nachvollziehbar ist, obwohl die Freundin viele Details einfach nicht kennen KANN (vor allem jene, die Alice auch ausdrücklich ihren Freunden gegenüber verschweigt). Die Sicht wechselt allerdings auch zu Philippe, und da wird es völlig unglaubwürdig: wie kann Alices Freundin genau wissen, was Philippe dachte oder fühlte oder auch nur zu bestimmten Zeiten machte?
So geht’s nicht.
Dass der Titel wieder mal geändert wurde (Original: Je vous aime – Ich liebe Sie), fällt kaum mehr ins Gewicht.

Fazit: Meine Erwartungen waren zugegeben hoch. Dennoch – selbst wenn ich meine Enttäuschung abziehe – das Buch ist entsetzlich schlecht. Unlogisch und kitschig.

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