Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für August, 2009

Ernest Hemingway: Fiesta

Leseabbruch auf Seite 133

Ich mag Hemingway, aber momentan geht er mir nur auf die Nerven. Einerseits liegt das natürlich an der furchtbaren Übersetzung, andererseits schon am Inhalt. Ich halte diese deprimierende Geschichte mit dem vielen Alkohol gerade überhaupt nicht aus.

Es ist heiß, es ist Sommer, ich möchte mich berieseln lassen. 150 Seiten, um das Buch zu beenden, sind nicht viel. Momentan zu viel, es macht einfach kein Vergnügen. Ich habe viel mehr Lust auf den Metzger-Krimi von Thomas Raab, und wie immer werde ich mich zu nichts zwingen. Thomas Raab sticht Hemingway. Ein bissl komisch, aber was soll’s.

Inhaltsangabe bei Wikipedia
Literatur mit Martinus
Biblionomicon

Ernst Molden: Austreiben. Vampir-Roman

Ernst Molden, geb 1967, ist ein Wiener Schriftsteller und Musiker. Momentan schreibt er für die Samstagsbeilage der Tageszeitung „Kurier“ eine wunderbare Kolumne mit dem Titel „Wien Mitte“ die hohes Suchtpotential hat.

Die Geschichte spielt im heißen Sommer 1999 in Wien. Wer mit Stephansdom und Walzerklang rechnet, wird enttäuscht werden. Das kommt nicht vor, dafür die Donau, egal ob Lobau oder Donaukanal. Was übrigens auch nicht vorkommt, sind Vampire. Man kann höchstens die Gelsen als Vampire deuten.
Das macht aber nichts, denn Molden interpretiert das Donauweibchen als Dämon, genauer als Succubus. Ganz klassisch, er erfindet nicht wie aktuell üblich seine eigenen Fantasy-Figuren.

Das Donauweibchen verführt also Menschen (was einige Sex-Szenen bedingt, aber nicht prominent und wirklich zur Handlung passend), die in der Folge böse Aufträge von ihr ausführen und meist selbst zu Tode kommen. Hier gibt es mehrere blutige und grausige Details, abgebissene Brustwarzen zum Beispiel, einen Würstelstandbetreiber, der auf seiner Hot-Dog-Maschine sein Ende findet, oder eine brave Ehefrau, die ihren Gatten filetiert.
Besonders gelungen ist der Anfang, wenn der Radiomoderator Joe auf Sendung schmutzige Geheimnisse prominenter Persönlichkeiten ausplaudert und zwischendurch die Reaktionen seiner Zuhörer beschrieben werden.

Das Böse ist in diesem Buch also richtig böse und gefährlich, keine Ambivalenz, und der Sex mit ihm ist gefährlich, wenn nicht tödlich. Gefährlicher Sex, das riecht schwer nach Moral, aber auch diese Klippe umschifft Molden problemlos.

Gegenspielerin des Donauweibchens ist die Kommissarin Magister Mimi Sommer, die damit beauftragt ist, die seltsamen Ereignisse in der Lobau zu klären. Als sie schließlich dahinter kommt, dass sie es mit einem Dämon zu tun hat, wendet sie sich an einen Priester, das Ende ist eine klassische Teufelsaustreibung.

Molden spielt durchaus damit, dass die Ereignisse rational zu erklären wären, mit Hitzschlag oder psychischen Problemen (Joe landet zB direkt in der Psychiatrie in Steinhof). Es bleibt aber ein phantastischer Roman, der eben sehr stark in der Realität, schon allein durch genaue Zeit- und Ortsangaben, verankert ist.

Mir hat’s sehr gut gefallen. Ich mag Bücher, die in Wien spielen, sowieso. Die Verarbeitung einer Sage zu einem Fantasy-Roman mit Krimieinschlag finde ich wunderbar.

Literaturhaus mit Leseprobe
Buchkritik
Lyrikwelt
Sandammeer
Interview mit Ernst Molden mit der spannenden Frage, ob man “Austreiben” auch zehn Jahre später noch lesen möchte. Die kann ich ganz einfach beantworten: ja, „Austreiben“ bereitet auch 2009 ausgesprochenes Vergnügen
Homepage von Ernst Molden
My Space- Site von Molden & Band mit Hörproben – hört euch “Hammaschmidgossn” mit Willi Resetarits an!

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche

Zum Autor:
Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren und lebt inzwischen mit Frau und Kind in Wien. Vor seiner schriftstellerischen Karriere arbeitete Glavinic ua als Werbetexter und Taxifahrer, als Schüler spielte er auch Schach auf einem Niveau, dass er auf Platz zwei (in seiner Altersklasse) der österreichischen Schachrangliste aufschien.

Sein Debutroman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ erschien 1998. Die Geschichte, die auf dem Leben des österreichischen Schach-Großmeisters Karl Schlechter basiert, ist lesenswert, bemerkenswert sind allerdings die biographischen Angaben zum Autor im Klappentext: „”ernährte sich von 1985 bis 1989 ausschließlich von ‘Kinderschokolade Zigeunerrädchen und Cola'”; “nahm 1986, ‘gleichwohl der Kinderpsychiatrie entgehend’, Kurt Waldheim in Schutz”. Das fasziniert mich noch immer.

2000 erschien „Herr Susi“ (ein Roman über Fußball, nicht weiter erwähnenswert), 2001 „Der Kameramörder“ (ein Krimi), 2004 „Wie man leben soll“(eine Satire, durchgehend im „man“-Stil verfasst), 2006 „Die Arbeit der Nacht“ (ein düsterer Roman über Jonas, der sich plötzlich allein auf der Erde wieder findet) und 2007 „Das bin doch ich“ (wieder satirisch, diesmal über den Literaturbetrieb). Wer Glavinic noch nicht kennt, dem empfehle ich schon an dieser Stelle, die Bücher in der Reihenfolge des Erscheinens zu lesen um die Entwicklung dieses Schriftstellers, seine thematische und stilistische Vielfalt, gut nach verfolgen zu können.

Inhalt:
Jonas, 35, wenig ambitionierter Werbetexter, verheiratet mit Helen, zwei kleine, geliebte Söhne und außerdem die heimliche Geliebte Marie, bekommt von einem zwielichtigen Mann die Erfüllung von drei Wünschen angeboten. Zunächst ungläubig, beginnt er zu überlegen:

„Ich könnte mir wünschen zu erfahren, ob das Leben einen Sinn hat. Nicht? Oder ob Sterben einen Sinn hat.“ (…) „Ich hätte gern mehr über den Tod gewusst, ehe ich sterbe.“ (..) „Ich hätte vielleicht gern gewusst, wie es ist, knapp davonzukommen. Um ein Haar an großem Unheil vorbeizuschlittern, verstehen Sie?“ (…) „Weniger träge zu sein. Mehr zu unternehmen. Mich aufraffen zu können. Aktiver zu sein, neugieriger, lebendiger. Neues auszuprobieren!“ (…) „Ich könnte mir wünschen, mein Verhältnis zu den Menschen zu verstehen, richtig? Größe könnte ich mir in mein Leben wünschen, Dramatik und Besonderheit. Ich könnte mir wünschen, ein anderer zu sein, ein reicher Erbe, der… Ich könnte mir einen sinnvollen Tod wünschen, damit er besser zu ertragen ist. Ich könnte mir wünschen, einen Feind – den ich nicht habe – töten zu lassen (…).“
Allerdings schließt Jonas diese Überlegungen damit ab: „ich wünsche das alles nicht. Ich wünsche mir: mehr Wünsche. Ich wünsche mir, dass sich alle meine Wünsche erfüllen.“

Der Fremde stimmt dem zu. Von da an verändert sich Jonas’ Leben. Er erlebt mit, wie eine Tankstelle überfallen wird und wie ein Mensch direkt vor ihm von einem Lastwagen angefahren wird. Helen stirbt plötzlich, und es stellt sich heraus, dass auch sie einen Geliebten hatte – der auf grausame Weise zu Tode kommt. Marie verlässt ihren Mann, dieser geht in ein Kriegsgebiet. Nachts kann er nicht schlafen, bei seinen Streifzügen passieren eigenartige Dinge. Eines Nachts wird die Stadt von Wassermassen geflutet, morgens sind nur noch kleine Überbleibsel zu sehen. Jonas’ Aktien steigen, seine Vertraute und Exfreundin Anne, die Krebs hat, gesundet plötzlich, usw.
Manches von diesen Erlebnissen ist sehr surreal, Jonas findet sich ua im Weltall wieder, anderes nur außergewöhnlich. Ob Jonas sich zumindest einen Teil davon nicht nur einbildet, bleibt offen. So wie nicht alles abgeschlossen wird – was passiert zB mit dem Meteoriten?

Am Ende brechen Jonas und Marie zu einer Reise ans Meer auf (ich halte es eher für verschwimmende Zeit als für einen Fehler des Autors, dass hier die zeitliche Abfolge nicht ganz stimmt) und werden von einer Flut verschlungen.

„Das Leben der Wünsche“ steht „Der Arbeit der Nacht“ sehr nahe. Wieder heißt der Protagonist Jonas (auch weitere kleinere Details stimmen überein, wie zB der Name der Geliebten Marie), wieder herrscht eine sehr düstere, beklemmende Atmosphäre. Die Verbindung zwischen beiden Romanen ist einerseits deutlich erkennbar, andererseits schwer fassbar. Als hätte der Autor seiner einsamen Figur ein zweites, alternatives Leben geschenkt. Leider war gerade „Die Arbeit der Nacht“ dasjenige seiner Bücher mit dem ich am wenigsten anfangen konnte. Ich mochte diese Stimmung einfach nicht, was aber nichts über die Qualität aussagt. „Das Leben der Wünsche“ ist allerdings um vieles leichter lesbar, es ist eines der Bücher, die ich in kürzester Zeit verschlungen habe – trotz Zurückblätterns um die Schlüsselszene am Anfang mehrmals zu lesen.

Dieses Buch steht vielfältiger Interpretation offen, dennoch störe ich mich nach wie vor an dem Satz „Das alles wünsche ich mir nicht.“ All die erfüllten, nicht wirklich eingestandenen dunklen Wünsche Jonas’ beziehen sich auf die Aufzählung am Anfang. Aber Jonas hat diese Überlegungen eben damit abgeschlossen, dass er sich diese Dinge nicht wünscht. Allerdings kennt man das aus jedem Märchen, dass die Wunscherfüllung eine gefährliche Sache ist. Ein nicht klar definierter Handel ist der übliche Stolperstein, genau das passiert Jonas.

Die Sprache ist knapp, aber klar. Störend fand ich lediglich, dass ein österreichischer Autor Worte wie „Wurstbude“ benutzt.
Anführungszeichen bei der direkten Rede werden weggelassen, gelegentlich auch Chats und SMS samt der nicht immer korrekten Groß- und Kleinschreibung eingebaut. Mit Personenbeschreibungen hält sich der Autor nicht auf, hier bleibt er konsequent beim Erzählen aus der Sichtweise Jonas’ (und der weiß ja, wie die Menschen um ihn herum sind und in welcher Beziehung sie zu ihm stehen). Eine personale Erzählsituation in der dritten Person, wohl nicht zufällig die Erzählweise Kafkas.

Fazit: Ein düsteres Buch mit vielen Interpretationsmöglichkeiten, das sicher mit mehrmaligen Lesen noch mehr gewinnt. Beim erstmaligen Lesen habe ich noch nicht alle Anspielungen und Möglichkeiten verstanden, aber es beschäftigt mich noch. Nur eines ist sicher: auch wenn es um Wünsche geht, mit einem Märchen darf man nicht rechnen.

Keine Rezension zu: E.E. Cummings, 39 Alphabetisch

„39 Alphabetisch“ ist ein zweisprachiger Lyrikband. Enthalten sind Gedichte von Cummings, übersetzt von Mirko Bonné.

Mehr gibt’s dazu nicht. Wenn ich ein Gedicht nach den Regeln der Kunst interpretiere, sind sie danach für mich tot. Alles futsch, was das Gedicht ausmacht. Über das, was ein Gedicht bei mir auslöst, zu schreiben ist mir zu privat. Also bleibt die Lyriklektüre aus diesem Blog ausgespart.

Ich möchte aber die Gelegenheit nützen und nochmals darauf aufmerksam machen, dass der Verlag Urs Engeler Editor, aus dem dieses Buch stammt, in Schwierigkeiten ist. Mein erster Artikel dazu wurde ja mehr oder weniger ignoriert, aber so schnell gebe ich nicht auf. Auch wenn’s naiv wirkt: mir gefällt diese Entwicklung zu immer mehr Massenware nicht.

Auf der Verlagshomepage steht (samt Links zu Zeitungsartikeln bei näherem Interesse): „Der Verlag Urs Engeler Editor steht vor einer ungewissen Zukunft. Es ist eine günstige Zeit, uns zu unterstützen und unsere Bücher zu kaufen und zu lesen.“

Das ist deutlich genug. Der Ammann-Verlag wird mit Frühjahr 2010 aufgeben. Die Nachrufe sind respektvoll und traurig, als wären nicht in letzter Konsequenz die Leser Schuld daran, wenn Verlage nicht mehr weitermachen können. Die Leser, die Lippenbekenntnisse zur Vielfalt abgeben. Aber ja, wir alle wollen Vielfalt in der Buchhandlung, wir wollen nicht erkennbar kalkulierte Verkaufserfolge die unsere Intelligenz beleidigen, Krimis nach dem Muster von Dan Brown, Fantasy, die Stephenie Meyer kopiert, Cover, die plump auf Verwechslungen spekulieren, und natürlich wollen wir keinesfalls schlechte Übersetzungen. Wir – und hier nehme ich mich gar nicht aus – kaufen das Zeug bloß und lassen wenig Beworbenes von kleinen Verlagen und/oder unbekannten Autoren links liegen. Wie soll man auch darauf aufmerksam werden wenn selbst die Literaturseiten und –beilagen mehr abgeschriebene Verlagstexte großer Verlage als wirkliche Entdeckungen bieten und bestenfalls über die Verkaufsschlager ausführlicher berichten? Aber wie sollen die kleinen Verlage überleben wenn ihre Bücher nicht gekauft werden? Wenn es – laut Artikel in der „taz“ – Empfehlungen an Buchhändler gibt, höchstens 25 Verlage im Sortiment zu führen? 25 Verlage? Da bleibt für die Kleinen, Unabhängigen kein Platz mehr…

Wer Vielfalt und Auswahl möchte, muss sich auch dessen bewusst sein, dass es nicht mit Reden getan ist, sondern dass die Abstimmung darüber letzten Endes an der Kasse stattfindet. Einen kleinen Verlag, der die eigenen Interessen bedient, gibt es bestimmt. Man sollte sich danach umsehen. Es gibt durchaus kleine Verlage, die Krimis (zB federfrei)
oder Phantastik ( zB Scratch-Verlag) herausbringen. Sowohl Lady’s Lit als auch Das Wortreich stellen gelegentlich Verlage vor, die Genres sind unterschiedlich, aber beiden gemeinsam ist, dass sie sich um deutschsprachige Literatur kümmern. Das sind nur Beispiele, falls jemand Lust hat, auf Entdeckungsreise zu gehen.

Dass die Bücher von Urs Engeler Editor nicht jedermanns Geschmack treffen werden, ist mir durchaus bewusst. Aber vielleicht möchtet ihr euch doch auf der Homepage umsehen und etwas Neues ausprobieren? Das Wortreich verzichtet bei Bestellungen bis zum 30.9. auf den Händlerrabatt.

Interview mit Urs Engeler: “Geiz ist dumm, Intelligenz ist geil”
Von Ketten und Goldadern (sueddeutsche.de, 20.7.09)
Finanzkrise trifft Buchmarkt: Rendite versus Sortimente (taz, 29.5.09)

Zoe Ferraris: Die letzte Sure

„Die letzte Sure“ (Originaltitel: „Finding Nouf“) spielt in Saudi-Arabien, genauer in Dschidda, in der heutigen Zeit.

Die sechzehnjährige Nouf, Tochter einer reichen Familie, ist verschwunden. Die Familie beauftragt den befreundeten Wüstenführer und strenggläubigen Moslem Nayir mit der Suche, doch es ist schon zu spät. Nouf wird ertrunken in einem Wadi gefunden. Nayir forscht weiter, unterstützt von der in der Gerichtsmedizin arbeitenden Verlobten von Noufs Bruder Othman, Katya. Allein die Tatsache, dass Katya einem Beruf nachgeht, ist in dieser Gesellschaft schon außergewöhnlich. Während die Krimi-Handlung gemächlich vor sich hinplätschert (nein, das ist nicht abwertend gemeint. Nayir ermittelt eben bedächtig.), erfährt der Leser viel vom Leben in Saudi-Arabien, von der religiösen Polizei, von Polizistinnen, die Männer nicht anhalten dürfen, von Frauen, die nicht Autofahren dürfen, die das Land nicht ohne Einverständnis ihres Mannes verlassen dürfen, die nicht einmal mit einem Mann reden sollen, etc. Ein schlichtes gemeinsames Mittagessen zwecks einer Beprechung von Katya und Nayir ist ein Abenteuer, ihre Telefonate entsprechen nicht den Regeln der Sittsamkeit.
Dabei ist Nayir ein strenggläubiger Moslem, der von Katyas selbstbewusstem Auftreten anfangs sehr irritiert ist. Doch er empfindet mehr als Sympathie für sie, und so lernt er, ihr Benehmen zu akzeptieren.

Allein die lebhaften Schilderungen des Alltags (viel plastischer als in „Die Girls von Riad“) in Saudi-Arabien machen das Buch lesenswert. Ferraris hat selbst in diesem Land gelebt und kann somit auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Hervorzuheben ist, dass sie kaum Kritik übt, sondern einfach erzählt. So musste ich mich nicht ständig über die Unterdrückung der Frauen ärgern, sondern konnte fasziniert in eine fremde Welt eintauchen. Und es hat mich auch nachdenklich gemacht: welche Stolpersteine, die einem die eigene Kultur in den Weg legt, nimmt man aus Gewohnheit nur als gegeben wahr?

Fazit: ein außerordentlich gut gelungenes Krimi-Debut, sicher auch für Menschen, die Krimis nicht so schätzen, aufgrund der Beschreibungen des Alltags in einem fremden Land interessant. Im Oktober erscheint ein weiterer Krimi mit Katya und Nayir mit dem Titel “Totenverse“.

Homepage von Zoe Ferraris
Meryems Welt
Bücher4um
Roter Dorn
Woertaworlds Weblog
Alphafrauen

Michael Chabon: Sommerland

Verkauft wird dieser Fantasy-Roman als Jugendbuch. Das mag wohl daran liegen, dass die wichtigsten Protagonisten Kinder im Alter von ca elf Jahren sind. Aber ich kann euch versichern: das Buch macht auch Erwachsenen Vergnügen.

Ethan ist Halbwaise. Dem Vater zuliebe spielt er Baseball, aber die Fronten sind schon mit dem ersten Satz klar: „Ich hasse Baseball“, sagte Ethan.
Und gerade dieser Ethan, der so gar nichts Heldenhaftes an sich hat, soll die Welt retten. Mit Baseball. Zur Seite stehen ihm dabei seine Freunde und jede Menge phantasievoller mythischer Gestalten.
Gegenspieler ist der „Kojote“, ein Bösewicht, der trotz eindeutiger Grausamkeiten und seinem Plan, die Welt ein für allemal gründlich zu zerstören, niemals wirklich unsympathisch wird.
Der Kojote entführt Ethans Vater, worauf Ethan sich auf die Suche macht und eine abenteuerliche Reise durch die Sommerlande, eine Parallelwelt zu der unsrigen, erlebt. Wichtig ist auch das Baseballspielen, immer wieder werden Spiele gegen Gegner ausgetragen und Konflikte so gelöst.

Der deutschen Ausgabe ist eine kleine Baseballkunde hinzugefügt. Entgegen den Ratschlägen vieler Rezensenten habe ich sie nicht gelesen. Ich kenne mich mit Baseball überhaupt nicht aus, aber wenn ich einen Roman lese, erwarte ich, dass der Autor mir zeigt, was wichtig ist. Ich muss nicht die Spielregeln kennen, ich muss wissen, was für Auswirkungen Ereignisse im Spiel auf die Handlung haben. Chabon schafft dieses Verdeutlichen mühelos. Das ist für mich wesentlich. Dass es viel um Baseball gehen wird, machen Cover und Klappentext klar, darauf muss man sich natürlich einlassen.

Wunderbar sind die phantastischen Figuren gelungen. Einfallsreich, lebendig, voller interessanter Details. Chabon bedient sich verschiedenster Mythen und verarbeitet sie so, wie er sie in der Geschichte gerade braucht. Das erinnert ein wenig an Sedias „Die geheime Geschichte Moskaus“, auch wenn „Sommerland“ etwas einfacher gestrickt ist. Zauberei und Magie kommen zwar vor, sind aber nicht dominant und keineswegs esoterisch angehaucht. Wenn jemand zaubert, tut er dies so natürlich als würde er beispielsweise kochen. Mädchen und Frauen sind ebenso selbstverständlich gleichberechtigt, ebenso stark und klug oder schwach wie die Männer.

Stilistisch ist der Roman eher simpel – fantastisches Jugendbuch eben. Leicht lesbar, mit ständiger Spannung und vielen Überraschungen. Etwas störend fand ich, dass sich der Autor manchmal direkt an die Leser wendet um etwas zu erklären.
Das Ende ist mir zu lang gezogen. Ich hab ja nichts gegen eine saubere Auflösung aller Handlungsstränge, aber ein Epilog von über zwanzig Seiten wenn die Spannung bereits vorbei ist, ist mir dann zu lang.

Das Cover der Taschenbuchausgabe finde ich übrigens viel gelungener als das des Hardcovers.

Fazit: ein sehr hübscher Fantasy-Roman, nicht nur für Kinder. Auf Baseball muss man sich aber einlassen.

Verlagshomepage mit Leseprobe
Jugendbuchtipps.de
taz
Perlentaucher
rp-online
Welt online

Bloggeburtstag (mit kleiner Verlosung)

Vor genau zwei Jahren habe ich mit „LeseLustFrust“ (damals noch bei blogg.de) begonnen. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich durchhalte, zu jedem gelesenen Buch etwas zu schreiben, aber bis jetzt ist es mir tatsächlich gelungen. Zumindest einen kurzen Kommentar habe ich immer verfasst, und inzwischen gehört es für mich zum Lesen einfach dazu. Seit Februar traue ich mich sogar, meine Lesestatistik zu führen und zu veröffentlichen. Früher habe ich es lieber nicht so genau gewusst, wie viel ich wirklich lese und kaufe.
Mittlerweile habe ich knapp über 400 Beiträge geschrieben, nicht alles davon Rezensionen. Besonders freut mich, dass meine Buchhandelsstreifzüge anscheinend sehr gut ankommen. Womit ich bei euch, meinen Lesern, bin: herzlichen Dank fürs Mitlesen und Kommentieren, ohne euch wäre es nur halb so lustig.

Nach zwei Jahren kennt ihr meinen Geschmack. Jetzt möchte ich euch fragen: Was lesen meine Leser am liebsten?
Bevorzugt ihr bestimmte Bücher? Krimis, Ratgeber, Fantasy, Liebesromane, Kochbücher, historische Romane, Fachliteratur, klassische Literatur oder ganz etwas anderes? Oder seid ihr vielleicht noch stärker spezialisiert, liebt nicht Krimis, sondern Regionalkrimis, nicht Fantasy, sondern Vampirromane, nicht klassische Literatur, sondern nur Bücher aus einer bestimmten Epoche? Wenn ihr jemanden, der euer Lieblingsgenre überhaupt nicht kennt, Bücher zum Einstieg empfehlen müsstet, welche wären dies?
Lest ihr am liebsten in der Mutter- oder in einer Fremdsprache? Habt ihr Schwächen für bestimmte Autoren oder Verlage? Bevorzugt ihr Taschenbücher oder Hardcover? Dicke Schmöker oder dünne Bändchen?
Oder am Ende gar keine Bücher, sondern lieber Zeitungen, Zeitschriften oder Internet-Texte? Liebt ihr antiquarische Bücher oder nagelneue, noch in der Folie eingeschweißte? Eher geborgte als gekaufte, getauschte statt geschenkte Bücher?

Es wäre schön, wenn ihr mir eure Lesevorlieben entweder in den Kommentaren oder in euren Blogs (ihr könnt gerne auch ältere Artikel verlinken wenn sie thematisch passen) mit Trackback verraten würdet.

Diesmal gibt es auch eine kleine Belohnung. Unter allen, die bis 2.9. mitmachen, verlose ich drei süße Kafka Käfer.

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