Lesestatistik August 09

Gelesen:

  1. David Gilmour, Unser allerbestes Jahr, 254 Seiten
  2. Alev Tekinay, Der weinende Granatapfel, 148 Seiten
  3. Reinhard Kaiser-Mühlecker, Der lange Gang über die Stationen, 158 Seiten
  4. Michael Chabon, Sommerland, 478 Seiten
  5. Zoe Ferraris, Die letzte Sure, 411 Seiten
  6. E.E. Cummings, Mirko Bonné: 39 Alphabetisch, 89 Seiten
  7. Thomas Glavinic, Das Leben der Wünsche, 319 Seiten
  8. Ernst Molden, Austreiben, 238 Seiten
  9. Thomas Raab, Der Metzger muss nachsitzen, 287 Seiten
  10. Corinne Maier, Die Entdeckung der Faulheit, 156 Seiten
  11. Franzobel, Picus. Eine Strandnovelle, 54 Seiten
  12. Garesa Normeyer, Die ko(s)mische Abnehm-Fibel, 102 Seiten
  13. Chris Carter, Der Kruzifix-Killer, 479 Seiten
  14. Vadim Tschenze, Altes russisches Wissen, 185 Seiten

Abgebrochen:

  1. Heinrich Steinfest, Nervöse Fische, auf Seite 36
  2. Ernest Hemingway, Fiesta, auf Seite 133

Gekauft:

  1. Michael Chabon, Sommerland
  2. Mo Yan: Die Knoblauchrevolte
  3. Sibylle Berg, Ende gut
  4. E. E. Cummings, 39 Alphabetisch
  5. Thomas Raab, Der Metzger muss nachsitzen
  6. Garesa Normeyer, Die ko(s)mische Abnehm-Fibel
  7. Vadim Tschenze, Altes russisches Wissen

Geschenkt:

  1. Tracy Cozzens, Küsse unterm Weihnachtsbaum (Gewinn bei Lilly Berrys Geburtstagsgewinnspiel – kommt nicht auf den SUB, wird erst im Advent gelesen)
  2. John Irving, Bis ich dich finde (Ebenfalls ein Gewinn bei Lilly Berry)
  3. Thomas Glavinic, Das Leben der Wünsche (Rezensionsexemplar über „Das Wortreich“)
  4. Franzobel, Picus (Rezensionsexemplar über „Das Wortreich“)

Bookcrossing:

  1. Chris Carter, Der Kruzifixkiller
  2. Corinne Maier, Die Entdeckung der Faulheit
  3. Else Buschheuer, Venus

Aktuelle SUB-Höhe: 15 Bücher

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Vadim Tschenze: Altes russisches Wissen

Das Beste für Seele & Gesundheit

Wieder einmal ein schräger Ratgeber, diesmal ein esoterischer. Der Inhalt ist ohne erkennbares Konzept zusammengemischt, das „russisch“ im Titel stimmt definitiv nicht. Es geht um internationalen Aberglauben jeglicher Art: Aura, Chakren, belebtes Wasser, Voodoo, Yin & Yang, Amulette und ganz viel mehr. Sogar eine Auflistung von „Naturgeistern“ ist enthalten! Nicht fehlen dürfen Hinweise auf andere Produkte des Autors.

Dasa Buch liest sich wie der Entwurf für eine Fantasy-Welt, ist aber ernst gemeint. Es fasziniert mich am meisten an dieser Lektüre, dass es Menschen gibt, die aller Vernunft zum Trotz so leben, die sich an diese Ratschläge, die mich zum Lachen reizen, halten. Vermutlich ein guter Weg, das eigene Leben in ein schlimmes Chaos zu verwandeln… aber darüber denke ich lieber nicht nach.

Etwas ärgerlich ist natürlich der leichtsinnige Umgang mit dem Wort „Wissen“. Typisch für den Esoterik-Bereich.

Tjo, diese Art Bücher gehört halt zu meinen „unwürdigen Lektüren“. Weiterer Kommentar überflüssig.

Homepage des Autors
Verlagshomepage
Astro TV

Chris Carter: Der Kruzifix-Killer

Verdammt. Offensichtlich habe ich ein anderes Exemplar ergattert als viele der Vorablesen-Kritiker. Ich will auch diesen tollen Thriller lesen! Was ich in der Hand hatte, war eindeutig unterdurchschnittlich.

Ein Pageturner: ja. Ein Thriller, der sich außerordentlich rasch und leicht lesen lässt: auch ja. Das war’s schon mit den positiven Punkten.

Der Inhalt ist so abgelutscht, dass mich das Nacherzählen langweilt. Also nur ganz kurz: böööser Killer tötet extrem grausam, Polizist Hunter (anderer Name war nicht möglich?) und sein neuer Partner jagen ihn. Am Ende kriegen sie den Killer. Überraschung! (Nein, die Lösung des Falles mache ich dem Autor natürlich nicht zum Vorwurf.)

Ich wollte das Buch bei der Beschreibung der ersten Leiche bereits abbrechen. Extrem scheußlich, extrem breit und detailliert ausgewalzt, man kann diese Seiten allerdings getrost überschlagen. Seit „American Psycho“ habe ich mich nicht mehr so gegraust. Warum ich weiter gelesen habe? U-Bahn-Buch, mir war fad, ich hatte nichts anderes dabei. Quasi Notfall. (Sorry, Nachwirkungen der Wolf-Haas-Lesung.)
Die späteren Morde sind nicht mehr ganz so arg.

So, und jetzt zu den echten Mängeln. Vorsicht: ich verrate zwar nicht direkt den Mörder, aber die Hinweise könnten die Freude an der Lektüre verderben.

Ich rate normalerweise bei einem Krimi oder Thriller nicht mit, ich beobachte einfach, wie der Autor sein Szenario entwickelt. Wenn ich bei der Hälfte des Buches richtiggehend gezwungen bin, den Mörder zu erkennen, ist das eine grobe Schwäche. In diesem Thriller hat der Leser keine Chance, den Killer spätestens nach der Hälfte NICHT zu erkennen. Das Personal besteht nämlich aus den Polizisten, den Toten und Personen, die zwar mit den Ermordeten in Verbindung stehen, aber von vornherein unverdächtig sind. Richtig unverdächtig. Die einzige Person, die hier nicht hineinpasst und deswegen auffällig hervorsticht, wird natürlich als Mörder entlarvt. Plumper geht es wirklich nicht. Außerdem wird gerade über einen einzigen Fall aus Hunters Vergangenheit ausführlich berichtet. Eh klar, dass hier ein Zusammenhang besteht…

Die Spannung muss also mit anderen Mitteln erzeugt werden. In diesem Fall: die billigsten Tricks, die sich finden lassen.

Kapitel eins und zwei beschreiben, dass Hunters Kollege in Lebensgefahr schwebt. Aufgelöst wird diese Situation erst im letzten Fünftel des Buches. Eindeutig zu spät. Da interessiert es mich nicht mehr.
Cliffhanger am Ende der kurzen Kapitel verwendet Carter inflationär. Ab und zu, von mir aus, wenn es unbedingt sein muss. Aber so oft? Das ist ein Zeichen handwerklicher Schwäche.

Letzter Vorwurf: Seitenschinden. Muss der Leser tatsächlich die Lebensgeschichte jeder noch so unwichtigen Nebenfigur erfahren? Das bisschen (harter, was sonst?) Sex, das Carter eingebaut hat, wirkt auch sehr aufgesetzt. So in der Art: eine Spur Sex muss bei Crime unbedingt dabei sein.

Fazit: ein flüssiger Schreibstil allein reicht einfach nicht. Eine derart schlechte Konstruktion eines Thrillers ist mir selten untergekommen.

Garesa Normeyer: Die ko(s)mische Abnehm-Fibel

Untertitel: Wie Sie in 3 Tagen keine 15 Kilo abnehmen

Ich habe eine Schwäche für schräge Ratgeberliteratur. Ab und zu muss es einfach etwas aus dieser Sparte sein. Jetzt hatte ich wieder Lust darauf, und die Wahl fiel – nicht unbeeinflusst durch das Rezensionsgewinnspiel – auf die ko(s)mische Abnehm-Fibel.

Garesa Normeyer ist ein Pseudonym. Dahinter stecken Sabine Dreyer (freiberufliche Lektorin, Autorin und Werbetexterin), Gabriele Merl (Malerin und Illustratorin „Merli“) und Renate Norder (Autorin).

Schon am Anfang des Buches steht: „Die ko(s)misches Abnehm-Fibel will nichts besser wissen und auch keine schlauen Ratschläge verteilen.“ Also doch kein Ratgeber wie zunächst vermutet. Was ist es dann? Die Autorinnen meinen: „Sie will ein wenig aufzeigen, wie und wovon Menschen sich manipulieren und verführen lassen, worum sich in vielen Köpfen das tägliche Denken dreht, sie will sich ein bisschen lustig machen und vielleicht auch erreichen, dass der eine oder die andere etwas mehr Humor im Umgang mit dem eigenen Körper(gewicht) entwickelt.“

Hmmm. Also von allem ein bisschen was. Ich konnte damit nichts anfangen, und ich frage mich auch noch nach Beendigung der Lektüre, was die Autorinnen eigentlich wollten. Hinsichtlich der Manipulation und Verführung wurde offensichtlich nichts recherchiert, es handelt sich um eine Plauderei, um Allgemeinplätze, um einen Text, der ganz gut in ein Blog gepasst hätte oder von mir aus auch als Kolumne in einem Frauenmagazin. Als Buch überzeugt es mich nicht. Zu oberflächlich, zu wenig originell, zu oft schon in ähnlicher Form in den bunten Illustrierten gelesen.

Der Humor blitzt nur gelegentlich hervor. „Spirituella“ fand ich ganz witzig, eine nette Idee.
Sprachlich ist der Text locker-flockig, im Stil eines Gespräches unter Freundinnen. Ganz ok also.
Die Illustrationen sind reizend, großäugige Frauen die an Mangas erinnern. Aber das rettet das Buch leider nicht.

Die Autorinnen im Internet:
Blog zum Buch mit Rezensionsgewinnspiel
Der Frau D. seine Buch-Staben (Blog von Sabine Dreyer)
Hinterländer Hosentaschen-Krimis
Wort-Taten.com
Merli
Leben woanders – alles anders oder was?

Rezensionen:
Lesen oder lassen?
amazon

Franzobel: Picus. Eine Strandnovelle

Franzobel wurde 1967 in Vöcklabruck, Oberösterreich, geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte in Wien, war Komparse am Burgtheater und beschäftigte sich auch mit Malerei.
Seit 1989 ist er als Schriftsteller tätig, er schreibt Romane, Kinderbücher, Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele. Sein Werk und die vielen Auszeichnungen sind zu umfangreich, um hier alle aufgezählt zu werden. Für den Text „Die Krautflut“ erhielt er beispielsweise 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis, zuletzt war er 2008 Inselschreiber auf Sylt.

Die Illustrationen – ja, es gibt noch illustrierte Bücher! – sind von Rita Berger. Sie wurde 1952 in Wien geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste und an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Berger ist seit 1997 selbständige Grafikerin und hat ebenfalls mehrere Preise gewonnen.

Das vorliegende Buch „erscheint aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Picus-Verlags“. Zur Verlagsvorstellung verweise ich aber auf das Portrait im Wortreich.

Zum Inhalt:

Obwohl der Ich-Erzähler behauptet „Ich war niemals eine Schnapsdrossel, mehr eine Leseratte.“ und „So bin ich also aufgewachsen, früh verdorben, immer schon den Büchern zugetan, nie dem Schnaps.“ spaziert er verliebt nach ausgiebigem Schnaps-Genuss mit seiner Frau am Strand entlang. Die beiden entdecken einen angeschwemmten, geheimnisvollen Gepäckszettel eines gewissen Leo Lallemant. Wieder daheim, geht die Frau einkaufen und vor der Tür steht plötzlich Leo Lallemant mit einer unerfreulichen Nachricht: er ist der Tod, gekommen, den Ich-Erzähler zu holen. Dieser versucht, zu verhandeln: „Aber ich bin Schriftsteller und heute ist ein Montag.“ Schriftsteller müssen nämlich medial wirksam am Donnerstag sterben, damit der Nachruf in der Wochenendausgabe der Zeitung erscheinen kann.
Schließlich erzählt Lallemant die Geschichte von Picus, der Circe widerstand und in einen Specht verwandelt wurde. Was die Frau bei ihrer Rückkehr am Schluss dann tatsächlich entdeckt, sei hier aber nicht verraten.

Den Inhalt kurz wiederzugeben ist im Fall dieser Novelle gar nicht so leicht. Franzobel amüsiert mit Wortspielen und Abschweifungen und denkt über die aberwitzigsten und absurdesten Angelegenheiten nach. Besonders gefallen hat mir die bereits erwähnte Passage welcher Wochentag für einen Schriftstellertod am besten ist, aber auch die Ausführungen zu Schnaps, Sprache und Bücher am Anfang sind wunderbar.
Franzobels Stil ist witzig, wortgewaltig, sehr individuell und schwer zu beschreiben. Er spielt mit der Sprache, verwendet außergewöhnliche Bilder, erfindet neue Wörter. Am besten kommen Franzobels Texte übrigens laut gelesen zur Geltung, am allerbesten, wenn er sie selbst liest.

Fazit: ein sehr hübsches Bändchen, mit den Illustrationen liebevoll gestaltet. Der Text ist franzobel-typisch und daher stark Geschmackssache. Mir hat’s gefallen. Ein Zusatzpunkt dafür, dass eine Novelle Novelle genannt wird und nicht Kurzroman.

Homepage von Franzobel
Picus Verlag
Interview mit Dorothea Löcker und Alexander Potyka
Kulturjournal

Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit

Der Untertitel „Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun“ ist irreführend. Es ist nicht – wie ich erwartet habe – ein schräger Ratgeber wie man mit möglichst wenig Engagement möglichst angenehm durchkommt, sondern eine sehr theoretische Abrechnung mit dem Kapitalismus und den „Unternehmen“ (nicht, dass sie sich die Mühe macht, „Unternehmen“ zu definieren…).

Von den Bemerkungen über die berufliche Phrasendrescherei war ich noch amüsiert. Misstrauisch wurde ich, als Maier verkündete, niemand arbeite gerne. „Wenn die Leute es gerne täten, dann würden sie umsonst arbeiten!“ Ja klar. Miete und Nahrung bezahlen sich von selbst, oder wie?
Auf Seite 110 war ich dann wirklich entsetzt. Ich glaube, Maier hält das für Humor: „Wann also kommt nach dem „Recht auf ein Kind“ für die unfruchtbaren Frauen und dem „Recht auf Sexualität“ für die Behinderten das „Recht auf Klonen“ für die Verrückten?“
Ich halte das für ziemlich daneben. Wie im Übrigen das gesamte Buch.

Wenn Maier sich langweilt, ist das wohl ihr Problem. Offensichtlich sucht sie sich einfach kontroversielle Themen für ihre Bücher aus (ein anderes ist zB „No Kid. 40 Gründe keine Kinder zu haben“) und hat damit auch noch Erfolg.

Fazit: Nicht lustig. Nicht informativ. Unnötig.

Wikipedia
Perlentaucher
Buchkritik.at
Biblio Blog
Reinis Blog
Christopher Tanneberger

Thomas Raab: Der Metzger muss nachsitzen

Bei Vorablesen wurde letzten Montag die Leseprobe zum dritten Metzger-Krimi, “Der Metzger geht fremd“ veröffentlicht. Ich habe bis jetzt – obwohl ich es eigentlich vorhatte – noch keinen Metzger-Band gelesen, und ich habe mich, im Gegensatz zu vielen Rezensenten, auf der Stelle in Raabs Figur verliebt. Naja, „verliebt“ ist vielleicht übertrieben, aber mir gefiel der Stil, und ich wollte sofort mehr lesen. Also habe ich mir den ersten Band der Reihe gekauft.

„Der Metzger“ heißt Willibald Adrian Metzger, ist Restaurator und ein einsamer, dem Rotwein zugetaner, Mensch. 25 Jahre nach einer mehr als unangenehmen Schulzeit stolpert er eines Nachts über die Leiche eines ehemaligen Schulkameraden, ausgerechnet der, der ihn am meisten quälte. Allerdings ist die Leiche verschwunden als die Polizei zum Tatort kommt – und der Metzger, der nicht an Zufall glaubt, beginnt, selbst zu ermitteln.

Ein bisschen märchenhaft wird’s schon. Metzger organisiert ein Klassentreffen, plötzlich mögen ihn alle, neue Freundschaften entstehen. Sogar seine Mittelschulliebe Danjela trifft er wieder, diesmal scheint es ein Happy End zu geben. Und natürlich löst er den Fall.

Raabs Stil erinnert an den von Wolf Haas, was ja prinzipiell nichts Schlechtes ist. Etwas glatter vielleicht, und mit vielen, vielen Rufzeichen. Österreichisch, mit einem Hauch Kabarett, mit weltanschaulichen Exkursionen. Die Stadt, in der alles spielt, wird übrigens nicht näher bezeichnet. Zählt man aber „Matura“ (als Zeichen, dass die Handlung in Österreich angesiedelt ist) mit den U-Bahn-Fahrten zusammen, bleibt nicht mehr viel Raum für Spekulationen.

Fazit: Das Österreichische muss man mögen und verstehen (NEIN! Das ist kein Bulle von Tölz!!!), aber dann ist es ein vergnügliches, gelegentlich bitterböses Krimileseerlebnis. Ich werde diese Serie weiterverfolgen.

Die Taschenbuchausgabe von Band zwei, „Der Metzger sieht rot“, soll am 26. August erscheinen, Band drei als Hardcover am 11. September.

Homepage von Thomas Raab
Literaturhaus mit Leseprobe
Buchkritik.at
Annemirls kleine Welt
Suite 101
Kunstschlampe