Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für 29. Juli 2009

Jörg Mauthe: Wien für Anfänger

Mit Zeichnungen von Paul Flora

Ursprünglich wurde dieses Buch von Diogenes herausgegeben, anno 1959. Auf der Verlagshomepage lässt sich aber mit „Mauthe“ kein Treffer mehr erzielen. Meine Ausgabe stammt vom Magnus Verlag aus 2006. Momentan wird sie in mehreren Wiener Buchhandlungen so um fünf Euro herum angeboten (gekauft habe ich bei Frick am Graben).

Eine wunderbare Entdeckung! Mauthe gliedert die jeweiligen Kapitel in „Lektionen“, „Übungen“ (die nachzumachen wirklich Vergnügen bereiten könnte) und „Vokabel“. Er erzählt locker und amüsant Wissenswertes und Anekdoten über Wien und die Wiener, ergänzt durch Floras humorvolle Zeichnungen.

Das Erstaunliche: obwohl der Text fünfzig Jahre alt ist, wirkt er kein bisschen angestaubt, keine Spur vom 50er-Jahre-Mief. Manches hat sich naturgemäß verändert, die Beschreibung von Kärntner Straße und Graben zB ist wirklich nur mehr historisch. Oder auch nicht, denn wenn sich auch inzwischen das „Gesicht“ dieser Straßen verändert hat, wenn auch dort mehr internationale Ketten als lokale Größen zu finden sind, es ist noch immer eine Flaniermeile.
Wunderschön ist die liebevolle Beschreibung des Heldenplatzes, auch hier merkt man das Alter des Textes nur an einem kleinen Detail: durch die Hofburg tost längst nicht mehr der Großstadtverkehr.

Wenn Mauthe von einem „sozialistischen, nicht katholischen“ Bundespräsidenten spricht, meint er wohl Schärf. Heute würde es schon wieder zutreffen, diesmal auf Fischer.
Oder seine Beschreibung der Stadthalle: „Ein kühnes Stück Architektur, das sich zwischen den Zinskasernen am Gürtel niedergelassen hat wie ein silbernes Weltraumschiff zwischen Spatzen.“ Naja, die Stadthalle werde ich wohl nie schön finden – aber die obige Beschreibung bedenkenlos auf das neue Hauptgebäude der Wiener Büchereien, nur ein paar Schritte von der Stadthalle entfernt, übertragen.

Glücklicherweise haben sich auch in Wien einige Dinge verändert: das Nachtleben besteht nicht mehr nur aus Heurigem und ein paar Bars, und auch das Angebot an internationalen Restaurants ist gewachsen. Auch die Tipps zum Kaffeehaus sind nicht mehr unbedingt zeitgemäß, auf keinen Fall die zum Trinkgeld.
Fast völlig zutreffend ist aber nach wie vor, was Mauthe über Theater und die Kunst im Allgemeinen erzählt, ebenso über den Katholizismus der Wiener.

Fazit: eine wunderbare Beschreibung Wiens zwischen Allgemeingültigem und Vergangenen, die Unterscheidung wird nicht schwer fallen. Ein Spiel mit Klischees, durchaus, aber Mauthe macht etwas, was die wenigsten tun: er sagt die Wahrheit, er schreibt nicht die üblichen Wien-Legenden weiter.

Jörg Mauthe – Wikipedia
Paul Flora – Wikipedia
Diogenes Verlag
Magnus Verlag
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