Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für 27. Juli 2009

Thomas Wollinger: Die Archäologin

Hmmm. Schon wieder ein Buch, das viel will, viele Handlungselemente enthält. Es wird als Krimi angepriesen, aber dem kann ich mich nicht anschließen. Ja, es gibt schon Tote, viele sogar, aber ein Plot, der sich vor allem an der Aufklärung von Kriminalfällen orientiert, ist das nicht.

Erika ist Archäologin. Ihr Studium hat sie sich durch viele Widrigkeiten erkämpft, nun kämpft sie um ihre universitäre Karriere in frauenfeindlichen, sehr rechtslastigen Strukturen. Dieser Teil der Handlung spielt in den 80er Jahren, und es ist zu befürchten, dass das alles verdammt nahe an der Realität ist. Ziemlich beklemmend.
Erika konnte eine Grabung in ihrem Heimatdorf durchsetzen. Und sie findet tatsächlich trotz aller Schwierigkeiten die ersehnte Sensation, ein Grab mit sechs Skeletten aus der Urnenfelderzeit. Eine Familie, die gewaltsam getötet wurde. Aber wieso?

Andere Handlungselemente beschäftigen sich mit Erikas Professor und seiner NS-Vergangenheit und auch mit der jüngeren Vergangenheit des Dorfes in der Nachkriegszeit. Hier gibt es, im wahrsten Sinne des Wortes, viele Leichen in den Kellern. Diese Passagen sind sehr gut gelungen, auch wenn es irgendwann eher zum Lachen reizt, wenn schon wieder einer mit der Schaufel umgebracht und verscharrt wird.

Erzählt wird auch aus der Zeit, in der die Familie, deren Skelette ausgegraben wurden, gelebt hat. Erika fühlt sich ihnen außerordentlich stark verbunden, sie sieht die Personen und setzt alles daran, das Geheimnis aufzuklären. Offensichtlich ist Erikas Schicksal mit dem der Familie eng verknüpft, so wie das des gesamten Dorfes.

Und hier verrät der Autor seine Hauptperson. Dadurch, dass Erika zu selbstverletzenden Verhalten und Essstörungen neigt, lässt er unklar, ob sie halluziniert oder tatsächlich mystische Erlebnisse hat. Am Ende wird’s zwar eindeutig, aber ich verstehe nicht, wieso Wollinger dieses phantastische Element sozusagen in Anführungszeichen setzt. Eine eindeutigere Positionierung hätte der Geschichte sicher nicht geschadet, im Gegenteil, es hätte einen klaren Gegenpunkt zur anderen Seite Erikas als fähige Wissenschaftlerin gesetzt. Die Beschreibungen der Grabungen und der wissenschaftlichen Arbeit an sich erscheinen mir übrigens sehr gut recherchiert, nicht mit der in solchen Fällen leider üblichen Naivität. Geht man nach Wollingers Homepage, hat er sich hier auch an einem realen Fund orientiert.

Also viele Handlungselemente. Zu viele? Das will ich nicht beurteilen. Mich hat das Buch nämlich ein bisschen an das Jugendbuch “Der Bernsteinmond“ von Lene Mayer-Skumanz erinnert. Da geht es auch um archäologische Grabungen mit einem mystischen Touch. Ich habe aber den „Bernsteinmond“ nicht nochmals gelesen oder durchgeblättert. Dieses Buch habe ich sehr geliebt, und ich will mir die Erinnerung so erhalten und lieber nicht nachprüfen, ob ich es jetzt noch toll finde.
Aber diese Erinnerung trübt natürlich das Urteilsvermögen. Allein deswegen habe ich „Die Archäologin“ gemocht.

Noch eine kleine Warnung zum Schluss: das gesamte Buch ist im Präsens geschrieben, das hält nicht jeder aus.
Das Cover ist übrigens in Blautönen gehalten, nicht in Grün, wie es auf amazon erscheint.

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