Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für 8. Juli 2009

Sabine Gruber: Über Nacht

Erstmals gebloggt am 14.1.09

“Über Nacht” hat es immerhin auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2007 geschafft – für den Sieg war das Buch aber zu gut (dieses Vorurteil wird mir halt immer lieber: der Deutsche Buchpreis geht meiner Meinung nach prinzipiell an das langweiligste Buch des Jahres). Sabine Gruber hat damit aber andere Preise gewonnen, zB den Buch.Preis der Arbeiterkammer Oberösterreich. Gut so. Mir wäre dieser Roman trotzdem entgangen, aber zum Glück hat mich eine Kollegin darauf aufmerksam gemacht.

Erzählt wird die Geschichte zweier Frauen. Bevor ich weiterschreibe, möchte ich gleich warnen: diesmal verrate ich das Ende, ich finde, dass es für die Beurteilung des Buches wichtig ist.

Irma lebt in Wien, hat einen kleinen Sohn (Florian) aus einer flüchtigen Affäre, arbeitet an einem Projekt über seltene Berufe und bekommt gleich am Anfang eine Niere transplantiert. Dies verändert ihr Leben, einerseits deswegen, weil die zeitaufwendige Dialyse wegfällt und sie kaum mehr Diät halten muss, andererseits, weil sie anfängt, sich mit ihrem Leben mehr auseinanderzusetzen. Sie verliebt sich, sie sucht erneut nach dem Vater des Kindes um Florian wenigstens ein Foto zeigen zu können, und sie denkt über den Toten, dem sie das Leben verdankt, nach. Irma hat Probleme damit, dass sie so gar nichts von diesem Fremden weiß, und sie löst dies auf ihre Art. Sie erfindet eine Organspenderin und deren Leben. Dies ist Mira, Krankenschwester in einem römischen Altersheim, mit einer unbefriedigenden Ehe samt dem Verdacht, dass ihr Mann fremdgeht. Hat er eine Geliebte oder ist er schwul? Gelöst wird diese Frage nicht.
Eine Nebenhandlung ist dem schwulen Bruder Irmas, Richard, und dessen Freund gewidmet, und auch den aussterbenden Berufen wird Raum zugestanden. Sehr schön sind die kunstvoll eingeflochtenen kleinen Alltagsbeobachtungen wie belauschte Gespräche im Kaffeehaus.

Dass Mira nur eine Erfindung Irmas ist, erfährt man erst auf den letzten Seiten. Bis dahin darf der Leser rätseln, ob und wenn ja welcher Zusammenhang zwischen den beiden Frauen besteht. Erzählt wird abwechselnd, ein Kapitel Mira, ein Kapitel Irma. Miras Teil ist in der Ich-Form geschrieben, Irmas Bereich wird von einem auktorialen Erzähler übernommen. Details sind ähnlich, beide interessieren sich für Vögel, kennen die gleichen Orte, schlafen mit dem gleichen Mann (Rino ist der Vater von Irmas Kind und kurzfristig der Geliebte Miras), haben mit den gleichen Menschen in unterschiedlichen Situationen zu tun. Diese Gleichheiten werden aber sehr sparsam und vorsichtig, fast beiläufig, eingesetzt.

Die Sprache ist nüchtern und präzise, mit gelegentlichen poetischen Anklängen. Besonders beeindruckend fand ich, dass der Roman so sorgfältig geplant ist und dennoch nicht künstlich konstruiert wirkt. Das Thema „Organspende“ wird so abgehandelt, dass man zum Nachdenken angeregt wird und dennoch eine interessante Geschichte liest.

Fazit: ein wunderbarer Roman, sowohl sprachlich als auch inhaltlich herausragend.

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Thomas Bernhard: Meine Preise

Erstmals gebloggt im Jänner 09

Ich bin kein Bernhard-Fan, und von Nachlaß-Ausgaben halte ich auch nicht besonders viel. Der Suhrkamp-Verlag behauptet allerdings in einer editorischen Notiz, dass die nun zu einem Buch zusammengestellten Texte von Bernhard selbst zur Veröffentlichung bestimmt waren. Nun ja. Dann glaube ich das eben. Obwohl… die Texte zu den einzelnen Preisen sind überraschend simpel, kunstlos, um nicht zu sagen, unbeholfen. Sie klingen wie Schulaufsätze und hätten mindestens noch einer Überarbeitung bedurft. Der Qualitätsunterschied wird vor allem dadurch deutlich, dass im zweiten Teil die dazugehörigen Ansprachen abgedruckt sind. Diese sind völlig anders, durchkomponiert, geschliffen, wortgewaltig. Zunächst fand ich es eigenartig, dass die Rede nicht zum dazugehörigen „Preistext“ stand, aber es ist wohl tatsächlich die bessere Wahl, so unterschiedliche Qualität zu trennen.

Zum Inhalt: Bernhard erzählt zu einigen seiner Literaturpreise seine persönliche Geschichte. Vor der Grillparzer-Preis-Verleihung kaufte er sich einen teuren neuen Anzug, vom Literaturpreis der Stadt Bremen leistete er die Anzahlung für seinen Vierkanthof, der Julius-Campe-Preis wurde in ein Auto gesteckt. Bei der Verleihung des kleinen (ganz wichtig!) österreichischen Staatspreises kam es zum Eklat, als der anwesende Minister aufgrund Bernhards Rede türeknallend den Saal verließ. Hier stimme ich Bernhards Freunden zu: das ist nicht für den Autor, sondern für den Minister blamabel. Thomas Bernhard schimpft auf alle diese Preise, eigentlich wollte er sie nicht, er wollte nur das Geld. Und nie ist er mit den Feierlichkeiten zufrieden, nicht einmal mit der Preisgeldhöhe. Ausnahme ist die Bundeswirtschaftskammer, hier berichtet er freundlich.
Er beißt sozusagen einzeln in jede Hand die ihn gefüttert hat. Wenn das in den 80ern veröffentlicht worden wäre, wäre der Skandal perfekt gewesen. Schade eigentlich.

Insgesamt: ein amüsanter Blick durchs Schlüsselloch, auch wenn man nicht alles für bare Münze nehmen kann. Die Unschuld, wenn es um seine Provokationen geht, ist wohl gespielt, und auch die Behauptung, dass er seine Reden immer erst auf den letzten Drücker geschrieben hat. Sicher. Mir ist die Legende egal, ich glaube es nicht. Man muss nur die Texte der Ansprachen lesen und mit den – ich bleibe dabei – unfertigen Berichten über die Preise vergleichen. (Jetzt dürfen mich die echten Bernhard-Kenner verhauen.)

Tja, aber es ist ein Buch von Bernhard. Bernhard kann man in Österreich nicht unvoreingenommen beurteilen, wer anderes behauptet, lügt. Er hat zeitlebens polarisiert, wurde beschimpft (und hat angemessen gekontert), und jetzt wird er gelobt. Ich habe über das vorliegende Buch so viel Positives gelesen, und auch, wenn es mich gut unterhalten hat: das Lob ist übertrieben. So übertrieben wie früher die Angriffe.

Perlentaucher
Ö 1
Tagesspiegel
Die Presse
Kurier

Backbuchkritik

Erstmals gebloggt im Jänner 09

Meine Mutter besitzt das Bakckbuch “Leichte Modetorten“ von Dr Oetker. Wirklich „leicht“ im Sinne von „kalorienarm“ sind diese Torten nicht, aber das ist heute nicht das Thema.

Meine Mutter will nämlich das Rezept „Göttliche Himbeer-Wölkchen-Torte“ ( findet man hier) nachbacken. Bei einem Titel wie „Modetorten“, noch dazu von Oetker, erwartet man keine größeren Probleme mit exotischen Zutaten. Falsch! Man braucht nämlich sowohl Schmand als auch Himbeer-Götterspeise, und wir sind in Österreich. Nachdem meine Mutter einige Supermärkte vergeblich aufgesucht hatte (bei Schmand machte sie sich ohnehin keine Illusionen), bat sie mich um Hilfe. Auch ich konnte zunächst keine Götterspeise auftreiben, also schrieb ich ein Mail an den Oetker-Kundendienst. Die haben tadellos reagiert: Bezugsquellen bekam ich zwar nicht, aber das Götterspeisepulver wurde uns kostenlos geschickt. Schmand macht man so: 1/8 Schlagobers und ein 1/8 Sauerrahm vermischen, 24 Stunden im Kühlschrank rasten lassen.

Inzwischen weiß ich auch (nachdenken hilft manchmal), wo man in Wien Jellypulver bekommt: bei Bobby’s Foodstore in der Schleifmühlgasse. Das hat auch den netten Nebeneffekt, dass dort im Eingangsbereich Bookcrossing-Bücher warten.

Ich bin trotz der netten Kundendienst-Reaktion noch immer verärgert. Koch- und Backbücher werden in Österreich und Deutschland verkauft, aber auf die Erhältlichkeit von den Zutaten wird keine Rücksicht genommen. Natürlich kann man improvisieren und austauschen, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass es nicht für nötig befunden wird, generell auf die Erhältlichkeit zu achten und wenn das schon nicht möglich ist, automatisch Alternativen vorzuschlagen. Dass man in Österreich Schmand nicht kennt, ist mit Sicherheit keine große Neuigkeit, und einer Kochbuchredaktion einer Firma, die in beiden Ländern tätig ist, ist ein solches Wissen zuzutrauen.

Außerdem sind Bücher in Österreich ohnehin teurer als in Deutschland. Ich kenne die Gründe, aber die interessieren mich im Moment nicht. Mir ist gerade nach sturer Konsumentenperspektive: de facto zahle ich für ein Buch wie das erwähnte mehr um damit weniger anfangen zu können.

Daniel Kehlmann: „Unter der Sonne“ & „Ruhm“

Erstmals gebloggt im Jänner 09

Ich beginne ganz am Anfang: 1997 veröffentlichte Kehlmann, gerade 22 Jahre alt, seinen ersten Roman, „Beerholms Vorstellung“. Der Autor war von Anfang an ein Kritikerliebling, das nur der Vollständigkeit halber. Zu Recht, übrigens. Das Problem mit dem „zweiten Roman“ umging er geschickt indem er 1998 einen Band Erzählungen veröffentlichte, „Unter der Sonne“. In weiterer Folge erschienen zwei Romane und eine Novelle bis mit „Die Vermessung der Welt“ der große Erfolg kam. Jedes einzelne dieser Bücher wurde von der Kritik äußerst freundlich behandelt, jedes dieser Bücher ist gut und lesenswert.

Warum ich so weit aushole? Daniel Kehlmanns Erfolg kam nicht überraschend. Er hat von Anfang an sein Talent gezeigt und beharrlich gearbeitet. Die Frage war, ob er irgendwann das verdiente Quäntchen Glück haben würde ohne dass es nicht geht. Mir ist er erstmals mit „Unter der Sonne“ aufgefallen, und seither lese ich seine Bücher. Kehlmann hat bis jetzt solide Qualität geliefert, und das Getue um „Ruhm“ ist befremdlich. Überraschend wäre gewesen, wenn er ein schlechtes Buch vorgelegt hätte. Jedenfalls hat er den gleichen Trick wie nach seinem Erstling angewendet: kein Roman (dass „Ruhm“ ein Roman sein soll kann man getrost vergessen. Es ist eine Sammlung von neun Erzählungen mit losem Zusammenhang.) sondern Erzählungen. Mich hat der Vergleich interessiert – wie unterschiedlich sind „Unter der Sonne“ und „Ruhm“? Die Inhaltsangabe erspare ich mir, dafür sind die Links im Anschluss da.

Nun, Kehlmann hat sich erfreulicherweise weiterentwickelt. Hier kann ich selbstverständlich einer Selbsttäuschung unterliegen, aber nach meinem Eindruck sind leichte Unsicherheiten verschwunden. Kehlmanns Sprache war von Anfang an unverkennbar und klar, und doch glaube ich, dass sie an Präzision gewonnen hat. Die genaue Beobachtungsgabe und Fähigkeit, das Wahrgenommene literarisch zu übertragen, ist in allen Büchern bemerkbar.

Die Vermischung von Fiktion und Realität deutet sich schon in „Unter der Sonne“ an: in der titelgebenden Erzählung kommt ein Schriftsteller vor, dessen Hauptwerk „Unter der Sonne“ heißt, und in „Pyr“ wendet sich der Erzähler direkt an den Leser: „Das ist keine literarische Formel, keine große Geste der Pluralanrede, sonder ganz simpel: Ich meine Sie.“

In „Ruhm“ ist dies stärker ausgearbeitet, die Komposition durch den Zusammenhang, den roten Faden, der sich durch die Erzählungen zieht, ausgefeilter. Der Autor erklärt das Konzept in der ersten Geschichte „ In Gefahr“ so: „Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? Die Komposition, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held.“ Und in der zweiten Erzählung, die am Ende des Buches steht und ebenfalls „In Gefahr“ heißt: „Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“

Ich mag Kehlmann. Dennoch finde ich es übertrieben, dass ihm Genialität zugeschrieben wird. Noch immer finde ich ihn interessant, keine Frage. 1998 konnte ich es kaum glauben, dass ein derart junger Autor so schreiben kann. Aber noch immer interessiert mich bei ihm am meisten, wie er sich entwickeln wird.

Ein Highlight ist „Ruhm“ für mich deswegen weil mir der Vergleich viel Vergnügen bereitet hat.

Zu „Unter der Sonne“:
Literaturhaus
Berliner Zimmer
FAZ.net

Zu “Ruhm”:
Perlentaucher
Suite 101
Die Presse

Alois Prinz: Mehr als du denkst

Erstmals gebloggt im Jänner 09

Zehn Menschen, die ihre Bestimmung fanden.

Inhalt: Es geht in diesem Buch um zehn Menschen: Jesus von Nazareth, Augustinus, Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Teresa von Avila, Martin Luther, Blaise Pascal, Edith Stein, Simone Weil und Dorothee Sölle. Alois Prinz hat sich aber nicht an Kurzbiographien gewagt (was angesichts des wenigen Platzes, der zur Verfügung stand, auch nicht zielführend gewesen wäre), sondern er versucht lediglich, den Wendepunkt im Leben der Genannten zu beschreiben. Wie man schon an der Aufzählung sieht, zieht sich der Bogen über viele Jahrhunderte (die einzelnen Kapitel sind chronologisch geordnet), auf unterschiedliche Konfessionen wird keine Rücksicht genommen. Vervollständigt wird das Buch durch ein Vor- und ein Nachwort sowie einer Literaturliste.

Meinung: Um an der Lektüre wirklich Freude zu haben, muss der Leser einige Voraussetzungen mitbringen. Frömmigkeit. Glauben, nicht nur an Gott, sondern auch daran, dass es so etwas wie „Bestimmung“ und eine „zweite Geburt“ überhaupt gibt. Eine unkritische Grundhaltung wäre auch wünschenswert, ansonsten wird man sich des öfteren ärgern müssen.

Jesus wird zB wie eine historische Person behandelt. Prinz weist zwar darauf hin, dass den Apokryphen hinsichtlich der historischen Wahrheit nicht zu trauen ist, geht aber mit der Bibel wie mit einem Tatsachenbericht um. Negativ aufgefallen ist mir auch im Vorwort, dass sogar Atheisten Glauben oder die Suche danach unterstellt wird. Das ist absurd. Für mich ist dieses Buch vordergründig neutral geschrieben, unterschwellig ist die Propaganda zu spüren. Mit offenen Bekehrungsversuchen kann ich besser umgehen.

Von den vorgestellten Persönlichkeiten scheint nur Dorothee Söller zu einem halbwegs „konventionellen“ Leben fähig gewesen zu sein. Bei den anderen ist oft von starken Kopfschmerzen, ständigem Kränkeln und großer Verzweiflung die Rede, vieles an deren Handlungen scheint mir mehr krankheitswertig denn nachahmenswert zu sein. Bei Elisabeth von Thüringen hat mir gefehlt, dass das Rosenwunder nicht behandelt wurde – gerade das hätte mich interessiert, denn ich habe nie verstanden, was an einer eindeutigen Lüge bewundernswert sein soll. Blaise Pascal hat seine Schwester richtiggehend terrorisiert, Simone Weil hat sich zu Tode gehungert, Augustinus hat die Mutter seines Sohnes aus lächerlichen Gründen verlassen, Francesco erscheint nur als verwöhnter Jüngling auf der Suche nach einem neuen Kick. Ich sehe hier keinerlei Vorbildwirkung, ganz im Gegenteil. Es scheint so, als wären diese Menschen nicht fähig gewesen, mit Krisen aus eigener Kraft fertig zu werden und hätten deswegen Gott gebraucht.

Die positiven Seiten des Buches möchte ich nicht unterschlagen: die Sprache ist flüssig, wenn auch sehr einfach, der Text leicht lesbar. Die äußere Aufmachung ist gut gelungen, mir gefällt dieses angenehme Blau ausnehmend gut. Auch die Literaturliste am Schluss hat einen Pluspunkt verdient.

Ich habe dieses Buch bei Vorablesen gewonnen, dort gibt es eine Leseprobe (Vorwort & Biographie von Dorothee Sölle) sowie Leseeindrücke und Rezensionen.

Christoph Benda: Senghor On The Rocks

Erstmals gebloggt am 23.1.09

Ein Web 2.0 Roman also. Was soll das sein? Erstens kann man natürlich den gesamten Text im Internet gratis lesen, hier, mit genauer Projektbeschreibung samt Links zu Medienberichten und Blogs.

Aber wie schaut das tatsächlich aus? Auf dem Bildschirm sieht man ein Buch, rechts ist der Text, links ein Google Maps Bild mit einem Cursor. Bewegen sich die Protagonisten von einem Ort zum anderen, bewegt sich auch der Cursor beim „Umblättern“. Was daran besonders sein soll erschließt sich mir nicht. Illustrierte Geschichten sind wahrlich nichts Neues, auch Landkarten werden Büchern oft beigefügt. Romane, die man im Volltext im Internet lesen kann, gibt es zuhauf.

Der Cursor hat den Charme eines roten „Sie befinden sich hier“-Pfeiles auf dem Plan in einem großen Einkaufszentrum. Juhu, er bewegt sich aber! Na und, mit einem Pfeilchen, das sich von selbst bewegt, konnte man vielleicht in den Anfangszeiten der privaten Computer punkten, damals, als mit zwei Balken und einem dickeren Pünktchen „Tennis“ am Bildschirm gespielt wurde.

Was soll ich mit Bildern aus der Vogelperspektive anfangen? Dieser Blickwinkel ist für eine Geschichte doch völlig langweilig – ich will, wenn überhaupt, ein detailliertes Bild zB vom Hotel innen sehen und nicht ein Dach. Dächer von oben gehören nicht zu meinen Interessensgebieten.

In einem gedruckten Buch wäre das in etwa so, als wäre auf jeder Seite eine Landkarte abgedruckt mit einer roten Linie die anzeigt, wo sich der Held bewegt hat. Würde das jemanden interessieren? Auf jeder Seite? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Abgesehen davon stört die Bewegung bei der Lektüre. Ich habe sehr schnell nur mehr ein bisschen geklickt und gar nicht mehr gelesen. Die Story ist auch nicht fesselnd genug um vom wandernden Cursor abzulenken. Der Pfeil ist der wahre Protagonist. Nicht wirklich aufregend also.

Mich langweilt dieses Projekt, ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Ich halte es für einen krampfhaften Versuch, „modern“ zu sein. Das Beste daran ist der begeisterte Erklärungstext.

Ruth Reichl: Falscher Hase

Erstmals gebloggt am 25.1.09

Als Spionin bei den Spitzenköchen
Originaltitel: Garlic and Sapphires – The Secret Life of a Critic in Disguise

Ruth Reichl erzählt in diesem Buch von ihrer Zeit (1993 – 1999) als Restaurantkritikerin bei der „New York Times“. Sie berichtet sowohl von der Arbeit in der Redaktion als auch von ihrem privaten Leben, etwa vom Umzug nach New York, vom Krebstod einer Freundin und von ihrem kleinen Sohn, der sich wünscht, dass Mama weniger ausgeht und jeden Tag mit ihm zu Abend isst.
Den wichtigsten Teil machen natürlich die Restaurantbesuche aus, dazu kommen aber noch die „fertigen“ Rezensionen und 17 Rezepte. Diese Rezepte sind etwas ungeschickt eingebaut: man blättert mitten im Satz um, und plötzlich steht das Rezept da. Das fand ich störend, obwohl die Rezepte zur jeweiligen Geschichte passend sind. Positiv ist, dass sie zum Großteil simpel und leicht nachkochbar sind, wie zB Kartoffelpuffer oder Spaghetti Carbonara.

Reichls Arbeitsweise ist interessant. Wird sie als Kritikerin erkannt, werden Kellner eigens für sie abgestellt, sorgt der Sommelier dafür, dass sie den besten Wein bekommt und wachsen die Portionen. Sogar die Himbeeren auf dem Törtchen werden größer. Deswegen beginnt sie, sich zu verkleiden. Mir gefielen die Beschreibungen, wie die Verwandlung vor sich geht, sehr gut, ebenso, dass jede Verkleidung eine andere Persönlichkeitsfacette von ihr hervorbringt. Die Kostüme bekommen sogar eigene Namen und Geschichten, „Brenda“ ist sympathisch und lebenslustig, „Miriam“ ist ihrer Mutter nachgebildet, „Emily“ gemein und vom Leben enttäuscht, „Betty“ nahezu unsichtbar, „Chloe“ eine geschiedene femme fatale, „Molly“ eine neureiche Provinzlerin. Allerdings merkt Ruth irgendwann, dass sie die Verkleidungen satt hat und wieder nur sie selbst sein will.
Wer sich allerdings nur für das Essen interessiert, wird von den Verkleidungsgeschichten gelangweilt sein und sich daran stören, dass sie relativ viel Raum einnehmen.

Die Restaurantbesuche selbst werden sehr lebendig beschrieben, in einer locken-leichten Sprache mit plastischen Details und kleinen Anekdoten. Reichls Stärke ist aber eindeutig, ihre Lust am Essen sprachlich ausdrücken zu können. Es ist, als würde man die Speisen selbst essen und genießen, einfach wunderbar. Oder auch nicht so wunderbar, wenn sie über gebratene Froschschenkel oder Entenfüße schwärmt und man erst spät merkt, WAS sie da so herrlich findet.

Fazit: eine köstliche Lektüre.

Verlagshomepage mit Leseprobe und Links zu Rezensionen
Hallo Buch
Literatina
Seite 4
Homepage von Ruth Reichl
englischer Wikipedia-Artikel über Ruth Reichl

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