Ich bin enttäuscht. Tief enttäuscht. DAS soll eine Funke-Geschichte sein? Dieses unausgereifte Ding, diese flüchtige Skizze, dieser Drehbuch-Vorentwurf? Was soll das? Hier stimmt wirklich fast nichts.
Der Inhalt:
Jacob Restless hat als Kind, nachdem sein Vater spurlos verschwunden war, den Zugang zu einer Art magischen Parallelwelt entdeckt. Dort hält er sich in der Folge die meiste Zeit auf und wird Schatzsucher, findet alle möglichen Zauberdinge, die man aus Grimms Märchen kennt.
Aber diese Zauberwelt lebt im Krieg, Menschen gegen Goyl, das sind steinerne Lebewesen. Jacob kann sich aus dem Konflikt nicht mehr heraushalten als sein Bruder Will durch Zufall in diese Welt gelangt und nach einer Verletzung in einen Goyl verwandelt. Jacob will den Bruder retten, unterstützt von dessen Freundin, die ihm gefolgt wird, aber die Zeit rennt ihm davon.
So. Und was passt jetzt nicht? Nun, zuallererst Jacobs Motivation. Präsentiert wird er als beschützender, besorgter Bruder. Daran ist nichts auszusetzen. Nur: Jacob hat sich seit Jahren in die Parallelwelt zurückgezogen und war so gut wie nicht mehr in unserer. Das enge Verhältnis der Brüder, das tiefe Vertrauen wurzelt ausschließlich in der Kindheit. Glaubwürdig ist das nicht, Jacob hat sich von seiner Familie vollständig abgenabelt und nun setzt er sein Leben aufs Spiel für den Bruder, den er eigentlich nicht mehr kennt?
Es ist generell eine Schwäche des Buches, dass die Charaktere klischeehaft sind (die treue Geliebte, der raffsüchtige Zwerg, die hinterhältige Kaiserin – keiner überrascht) und nicht sorgfältig ausgearbeitet. Will hat zB viel zu wenig Charakterzüge, seinen Menschseite ist liebevoll-sanft bis zur Blödheit, die Goyl-Seite ausschließlich gewalttätig. Wills Freundin Clara kommt über das liebende Weibchen nicht hinaus, ebenso Jacobs treue Begleiterin, die Gestaltwandlerin Fuchs. Beide Frauen sind tapfer, treu und liebend-leidend. Mehr nicht. Blasse Abziehfiguren also.
Und die Namen! Die Kaiserin heißt zB Therese von Austrien, ich hatte unwillkürlich die ganze Zeit Maria Theresia vor Augen.
Dann die Parallelwelt. Die ist nur skizziert, flüchtig, wie eine Papp-Filmkulisse. Ja, es gibt nette Einfälle. Mir hat zB das nicht geweckte Dornröschen sehr gut gefallen. Trotzdem: es sind lediglich Ideen aus den Grimm-Märchen übernommen, aber nicht stimmig eingefügt.
Die Geschichte selbst hat es nicht geschafft, mich zu fesseln oder in ihren Bann zu ziehen. Dass die Grundidee, die Rettung des Bruders, recht simpel ist, finde ich nicht schlimm, das ist typisch fürs Genre. Aber die Ausführung, das beinahe zusammenhanglose Aneinanderreihen von Abenteuern, in denen der Zufall viel zu oft bemüht wird (immer hat Jacob genau den Gegenstand dabei, den er gerade dringend braucht) und die Charaktere sich nicht einen Hauch entwickeln, sondern lediglich ihre Aufgaben abarbeiten, ist einfach nicht gelungen.
Schade. So schade.
Website zum Buch
Kerstins Bücherblog
Liisas Litblog
Papiergeflüster
Mareikes Bücherwelt
Comments on: "Cornelia Funke: Reckless – Steineres Fleisch" (7)
Dabei ist das Buch in Frankfurt so angepriesen worden
Mich hat ja die Meldung, dass Funke das Buch in Zusammenarbeit mit einem Filmemacher schreibt, unmittelbar zu einem Blogbeitrag inspiriert, in dem ich meine diesbezügliche Skepsis kundgetan habe. Ich hätte mich gerne eines besseren belehren lassen, aber leider bestätigt deine Rezension meine Befürchtungen (und nicht nur deine!). Ich bin wirklich froh, dass ich mir das Buch nicht gekauft habe; es hat mich sehr verlockt, als ich es am Erscheinungstag in einer Buchhandlung gesehen habe.
Dass ein Funke-Buch gehypt wird, ist ja nicht weiter überraschend.
Irina, deinen Beitrag kannst du ruhig verlinken: http://buecher.ueber-alles.net/?p=6442
*seufz* Ich hab mir halt gedacht, die Funke kann erzählen, da will ich mich nicht von Verfilmungs-Vorurteilen abhalten lassen. Eine halbwegs anständige Verfilmung ist vermutlich wirklich sehenswert… aber die Trilogie werde ich sicher nicht lesend weiter verfolgen.
In Dresden wird es das in Kürze als Theaterstück geben. Aber wenn die Story Schwächen hat, kann das ja auch nicht gut sein?
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/reckless_steinernes_fleisch/
Ich finde, gerade im Theater muss die Story nicht “stark” sein, es kommt darauf an, was man daraus macht. Nimm “Romeo und Julia” als Beispiel, wenn man fies ist, ist das lediglich eine hysterisch-ausgeuferte Teenie-Liebe. Aber sie haut mich trotzdem jedes Mal um.
Fürs Kino fällt mir “Avatar” ein, das ist lediglich eine Winnetou-Geschichte in blau. Kennt man, ist banal. Aber die Bilder! Genau das könnte bei einer Reckless-Verfilmung wirken: das heruntergekommene Hexenhaus, das nicht geweckte Dornröschen, das Tischlein-deck-dich mit dem 5-Gänge-Menü, die Feeninsel, die Verwandlung von Fuchs in ein Mädchen… – wenn das gut gemacht wird, wird’s faszinieren und von der Story wirksam ablenken.
Ich finde die story nicht umwerfend aber man kann seiner eigenen Fantasie
freinen Lauf lassen… sozusagen eine Ansatzhilfe. Das Theaterstück sieht in meinen Augen ein bisschen zu schnell produziert aus. Ich mag das Buch trotz allen Klischees und “Abziehbildchen”.
Also ich fand das Buch fantastisch. /:
Endlich mal eine Fantasy-Welt für Erwachsene die nicht krampfhaft an die Herr der Ringe Bücher angelehnt ist. Die Schönheit und Schrecklichkeit einer Welt in der Märchen real sind, wurde hier so gut dargestellt, dass ich mir selbst in meinen Träumen in der Spiegelwelt wieder fand.
Ja, einige Figuren sind ohne Zweifel ein wenig klischeehaft, was mich aber in diesem Zusammenhang, nicht weiter gestört hat. Mit Fuchs habe ich regelrecht mitgelitten. Vor allem die Loyalität einiger Figuren hat mich beeindruckt.
Ich finde wenn die Welt in der alles geschieht Tiefe hat, kann der Story das gleiche ruhig fehlen. Denn so bleibt Platz für die eigene Fantasie.
Mich, als liebende Schwester, Abenteurerin und Träumerin, hat Reckless von der ersten Seite an gefesselt.
Vielleicht sind das aber nur die Gefühle einer Teenagerin, die nach Harry Potter einfach eine neue Welt braucht, in die sie entliehen kann. Und eine solche Zuflucht bietet die Spiegelwelt ohne Zweifel.