Monika Helfer wurde 1947 in Au/Bregenzerwald geboren und lebt heute als Schriftstellerin in Vorarlberg. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Romane, Erzählungen und Kinderbücher, zB „Oskar und Lilli“, „Kleine Fürstin“, „Wenn der Bräutigam kommt“, „Bestien im Frühling“ und „Mein Mörder“. Monika Helfer ist mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet. Die gemeinsame Tochter Paula starb 21jährig nach einem Unfall.
Josi (nicht als „Tschosi“ auszusprechen!) war Psychiaterin im Wiener OWS, bevor sie ihre zwei Unglücke trafen und sie in Pension ging. Das erste Unglück ist Brustkrebs, beide Brüste wurden entfernt. Das zweite Unglück ist, dass, ihr Mann Tomas sich aus heiterem Himmel als schwul outet, mit seinem Freund Edgar im früher gemeinsamen Haus lebt und sich scheiden lässt.
Josis Welt bricht zusammen. Zunächst flüchtet sie ins Hotel, dann zieht sie in die eigene Wohnung. Sie spricht mit Wand und Deckenlampe, nimmt alle möglichen Psychopharmaka zum Schlafen und kann die eine oder andere übertriebene Aktion nicht lassen. Ihre erwachsenen Kinder Bruno und Klara sowie ihr Exmann und dessen Freund schicken sie zu einem Urlaub nach Griechenland. Josi, die dabei ist, sich „neu zu erfinden“, lässt sich darauf ein. In Griechenland nimmt sie an einem Erzählkreis teil, wo Michael Köhlmeier die griechischen Sagen vorträgt, und sie lernt dessen zwölfjährige Tochter Paula kennen. Mit Paula freundet sie sich so an, dass diese sie sogar in Wien besucht. Außerdem macht Josi die Bekanntschaft von Max, einem Apotheker. Ihm gibt sie ihre Adresse nicht, er soll sie nach der Rückkehr nach Wien selbst suchen. Ob ihm dieses Kunststück gelingt, sei hier nicht verraten.
Was soll ich über ein Buch sagen, in dem die Autorin unchiffriert ihre verstorbene Tochter als Zwölfjährige wieder auferstehen lässt? Dass mit einem E-Mail von Josi an Paula endet, in dem Josi schreibt: „ Wir reden oft von Dir. Karla und Bruno auch. Du gehörst zu unserem Leben. Ich hab Dich lieb.“ Oder wenn Paula Josi erzählt: “Ich würde gern Schriftstellerin werden wie meine Mutter und mein Vater“, sagte Paula. „Ich würde Kurzgeschichten schreiben.“
„Niemand hindert dich daran.“
„Ich denke mir, es ist noch zu früh, und gleichzeitig denke ich, es ist spät, ich hätte schon lange damit anfangen müssen, ich meine richtig.“
Wenn man weiß, dass Monika Helfer und Michael Köhlmeier Paulas ersten Kurzgeschichtenband postum herausgegeben haben, sind diese einfachen Sätze herzzerfetzend. Monika Helfer gab mir das Gefühl, etwas schonungslos Privates zu lesen, ohne zu wissen, wie viel von der echten Paula Köhlmeier in der literarischen Figur steckt. Aber es ist keine „Betroffenheitsliteratur“, die Geschichte funktioniert auch ohne das Hintergrundwissen.
Josis gelegentlich übertriebenes, theatralisches Verhalten könnte leicht nerven und tut es doch nicht. Sie könnte das Klischee der Psychiaterin, die verrückter als ihre Patienten ist, erfüllen und tut es nicht. Es ist eine starke Geschichte voller Emotionen ohne Kitsch, mit den zwei Unglücken an der Grenze des Erträglichen und doch nie darüber hinausgehend. Die Protagonisten tobt ausführlich gegen das, was ihr widerfährt und kämpft um ihr neues Leben, um neue Formen des Glücks.
Ein Buch, das den Leser nicht loslässt. Einfach großartig.
Diese Besprechung erschien erstmals bei “Das Wortreich”: http://community.daswortreich.de/joomla/index.php/Rezensionen/monika-helfer-bevor-ich-schlafen-kann.html
Comments on: "Monika Helfer: Bevor ich schlafen kann" (6)
Das Buch habe ich mir notiert! Danke für die Besprechung, so wie sie sich liest wird es auch mir gefallen.
Wenn ich nicht vergesse, dann komme ich, nachdem ich es gelesen habe, wieder hierher zurück.
Das ist wieder mal eine ganz tolle Besprechung, meine liebe! Allerdings les ich ja solche Bücher eher nicht, obwohl deine Meinung mich schon ein wenig ködern konnte. Vor allem die Sache mit Max finde ich hochinteressant. Das ist ja mal eine Idee!
Deine Rezension macht mich neugieriger; seit dem Interview, welches Frau Helfer mit dem STANDARD geführt hat (DER STANDARD/Printausgabe, 05.08.2010), warte ich auf eine Möglichkeit in das Buch hineinzulesen, was ich im Anbetracht deiner doch wohlwollend-klingenden Bewertung relativ schnell erfüllen wird.
Auf zwei Dinge sei noch hingwiesen; wenn du dich für die Romane von Michael Köhlmeier interessierst, so erscheint am 16.August diesen Jahres ein Roman bzw. eine Erzählung bei Hanser mit dem Titel “Mandalyn” (Link zu amazon.de) bzw. wenn du dich für beide als Autoren erwärmen kannst, so sei dir diese Buchneuerscheinung empfohlen, die ebenso am 16.August erscheint: Rosie und der Urgroßvater von Monika Helfer und Michael Köhlmeier. Mit Bildern von Barbara Steinitz.
Eine Anmerkung sei mir noch zum Thema “Paula” erlaubt: Sie ist als Figur (fast als Diskurs) immer wieder präsent in Publikationen des Paares; nicht nur bei Monika Helfer (als Reinkarnation in Form des 12-jährigen Mädchens), auch bei Michael Köhlmeiers Erzählung “Idylle mit ertrinkendem Hund” ist sie präsent, die Trauer scheint noch sehr nah, die Tochter wird mit ihren Bildern, ihren Texten “zum Leben gezwungen” (Ich kann es nicht anders umschreiben; beide (fiktive) Elternteile halten an der Erinnerung fest, so, als hätten sie Angst, das Kind würde ihnen in dem Moment entgleiten, indem sie sich ablenken lassen, wenn ich das einmal mit einer bildhaften Beschreibung erklären darf.) – Dazu ein Zitat aus “Idylle mit ertrinkendem Hund”, was ich sehr treffend finde:
“Wie kann ich über den Tod unserer Tochter schreiben?”
“Willst du denn darüber schreiben?”
“Das möchte ich, ja.”
“Ich denke, ich weiß, wo das Problem liegt. Du bist dir nicht sicher, ob du Literatur machen willst oder bloße Erinnerung, hab ich recht?”
“Ich will, dass sie bei mir ist. Und ich habe die Hoffnung, dass sie näher bei mir ist, wenn ich über sie schreibe.”
Ich hoffe, die Erwartungen mit der positiven Besprechung nicht zu hoch geschraubt zu haben… aber ich fand das Buch richtig, richtig gut. Allerdings knabbere ich noch an der Frage, warum es manche Autoren schaffen, auch nervendes Verhalten von Protagonisten so rüberzubringen, dass man als Leser nicht abgestoßen wird, und andere daran scheitern.
Zum Standard-Interview: ich werd ja immer ganz misstrauisch, wenn Autoren ihre Bücher erklären.
Aber was Monika Helfer über diesen Roman sagt, ist genau so bei mir angekommen. Bei der Lektüre des Buches, nicht bei der des Interviews.
“Madalyn” habe ich schon gelesen, aber es gibt eine Sperrfrist für Rezensionen. Ich fand die Geschichte toll. Da Michael Köhlmeier auch eine sehr junge Protagonistin (Madalyn ist 14) gewählt hat und die Figuren beider Bücher sich sogar selten, aber doch an den gleichen Orten (zB Naschmarkt) aufhalten, habe ich einen Vergleich überlegt. Hab ich aber nicht gemacht, denn dass die Autoren verheiratet sind, ist mir zuwenig für so einen Vergleich.
“Idylle mit ertrinkendem Hund” habe ich längst gelesen: http://leselustfrust.wordpress.com/2009/07/10/michael-kohlmeier-idylle-mit-ertrinkendem-hund/
Das Buch, das sehr interessant beginnt, wird dann im weiteren Verlauf zu einem typischen Frauenbuch mit seitenweise unverständlichen Emotionen und Modereflexionen.
Das ist schpn in Ordnung, ws aber überhaupt nicht geht, ist,d ass eine österreichische Schriftstellerin “lecker” schreibt. Da dreht’s
einem den Magen um.
Ich bin sowieso dafür, dass in Österreich die Verwendung von “lecker” strafrechtlich geahndet wird.
Aber was soll bitte ein “typisches Frauenbuch” sein? Klingt irgendwie sexistisch…
Ja, Josi beschäftigt sich mit Mode – na und? Ihre zeitweise Verwandlung in einen “zarten Herren” ist angesichts des Zerbrechens ihrer Ehe an der Homosexualität ihres Gatten stimmig.
So unverständlich finde ich ihre Emotionen nicht, aber hier kann ich eine andere Auffassung gut nachvollziehen.