Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Marie-Aude Murail: Simpel

Während der ersten dreißig, vierzig Seiten habe ich noch überlegt, das Buch abzubrechen. Aber dann hat mich Simpel gefangen genommen. Es ist einfach ein großartiges Buch!

Simpel, einer der Protagonisten, ist Anfang zwanzig und geistig behindert. Intellektuell ist er ungefähr auf der Stufe eines Dreijährigen, er spielt mit Playmobil und hat einen Stoffhasen, Monsieur Hasehase, der ihn fast überall hin begleitet.
Colbert, sein 17jähriger Bruder, kümmert sich um ihn. Die Mutter ist bereits verstorben, der Vater mit der neuen Ehefrau beschäftigt, und Simpel vegetierte in einer „Anstalt“ vor sich hin.
Die beiden Brüder ziehen in eine Pariser Studenten-WG. Dort leben die schöne Aria mit ihrem unausstehlichen Freund Emmanuel, ihr Bruder Corentin und Enzo, der in Aria verliebt ist und dies in einem Roman zu verarbeiten versucht. Simpel wirbelt diese WG gehörig durcheinander, teils weil er Unfug anstellt, teils weil er unbequeme Wahrheiten ausspricht.

Gleichzeitig versucht Corentin, sein eigenes Leben zu leben, und gerät zwischen zwei sehr verschiedene Mädchen. Die Dinge spitzen sich zu, als sich der Vater und das Jugendamt einmischen und Corentin, müde und erschöpft, einer weiteren Unterbringung von Simpel in der Anstalt zustimmt.

„Simpel“ ist ein Jugendbuch – fragt mich nicht, warum. Ja, die Protagonisten sind jung, die Sprache ist einfach, aber die Thematik und die Art der Bearbeitung sind nicht altersabhängig. Simpel ist wunderbar gezeichnet, ziemlich unkitschig, liebenswert, und doch versteht man sehr gut, dass er auch anstrengend sein kann. Positiv aufgefallen ist mir, dass es keinen moralisierenden Unterton gibt, keinen erhobenen Zeigefinger. Ganz im Gegenteil, viele Szenen sind ausgesprochen witzig, ohne dass sich die Autorin über Simpel lustig macht.

Die Sprache ist recht einfach, passend zur Hauptperson. Es gibt mehrere Perspektivenwechsel, manchmal wird aus Colberts Sicht erzählt, dann aus Enzos, oft aus Simpels, der mit Monsieur Hasehase Dialoge führt.

Fazit: ein wunderbares Buch, sehr lebendig, klug und liebenswert. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Comments on: "Marie-Aude Murail: Simpel" (6)

  1. Ich habe das Buch, ähnlich wie du, irgendwann einmal begonnen, es aber nie über die ersten 30 Seiten geschafft. Ich werde es mir auf jeden Fall demnächst mal aus dem Regal ziehen und es nochmal probieren. Klingt sehr verlockend. Vielen Dank für die Vorstellung!

  2. leselustfrust schrieb:

    Ich hätte nicht weitergelesen wenn ich mir das Buch nicht von jemanden, der sehr begeistert war, ausgeborgt hätte. Aber ich wollte es nicht zurückgeben und sagen, dass ich nur ein paar Seiten gelesen habe – das wäre mir zu unhöflich erschienen…
    Das Weiterlesen zahlt sich auf jeden Fall aus. Dem Leser geht’s so wie den WG-Bewohnern: zuerst Skepsis, und dann schleicht sich Simpel, wenn man sich auf ihn einlässt, in das Herz.

  3. Hab vor ein paar Jahren die Diskussion beim Lesezirkel in der Hauptbücherei darüber gehört.
    Neu zu diesem Thema gibts das Buch von Ludwig Laher “Einleben”, das über das Leben mit intellektuellen Behinderungen, Lernschwierigkeiten vielleicht ein bißchen aktueller berichtet

  4. leselustfrust schrieb:

    Danke für den Tipp, das Buch klingt sehr interessant.

    Aber zur Aktualität: Die TB-Ausgabe von Simple ist 2009 erschienen, das ist schon aktuell. Für Österreich klingt es seltsam, dass ein geistig Behinderter (wie auch immer das politisch korrekte Wort dafür im Moment lautet, das wechselt dzt so schnell, dass ich nicht mehr mitkomme) in der Psychiatrie betreut wird, in Frankreich hat’s die Psychiatrieausgliederung unglaublicherweise noch nicht gegeben.
    2007 gab’s den Film “Elle s’appelle Sabine” von Sandrine Bonnaire, da wird das dargestellt: http://www.psychiatrie.de/bibliothek/filme/article/elle_sappelle_sabine.html

  5. [...] Gute Romane, Highlights 2010, Roman Leave a Comment  Eva Jancak hat mich in den Kommetaren zu “Simpel“ auf dieses Buch aufmerksam gemacht. In ihrem Blog „Literaturgeflüster“ gibt es dazu einen [...]

  6. [...] Marie-Aude Murail: Simpel February 20105 comments 5 [...]

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