Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Ilija Trojanow & Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit

Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte

Seit ein paar Tagen drücke ich mich davor, etwas zu diesem Buch zu schreiben. Nicht weil es schlecht ist, das nicht. Ganz im Gegenteil. Aber wie bespricht man ein Buch, das die eigene Meinung so punktgenau trifft? Mir macht die sogenannte „Terrorabwehr“ längst mehr Angst als der Terror selbst. Plötzlich findet es kaum einer mehr seltsam, dass die Unschuldsvermutung in bestimmten Fällen nicht mehr gelten soll. Fehlt es denn so sehr an Fantasie, dass man sich nicht vorstellen kann, selbst, als unschuldiger Bürger, unter Verdacht zu geraten? Plötzlich ist Folter wieder etwas, das man in Betracht ziehen kann. Hat nicht die Geschichte längst gelehrt, dass unter Folter erpresste Geständnisse wertlos sind?

Und im Alltag: wie komme ich dazu, mich in der U-Bahn oder anderswo einer Überwachunsgkamera auszusetzen? Den Satz, wer nichts zu verbergen habe, brauche nichts zu fürchten, kann ich nicht mehr hören. Gerade weil ich nichts zu verbergen habe, habe ich das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Abgesehen davon, dass die Videoüberwachung eh nix nützt.

Ilija Trojanow und Juli Zeh behandeln in „Angriff auf die Freiheit“ genau diese Themen. Aber, wie schon oben geschrieben: eine kritische Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen ist mir nicht möglich, zu sehr trifft es meine Meinung. Und da kann es schon passieren, dass man Dinge übersieht. Ich habe zB die Polemik, die andere Rezensenten wahrgenommen haben, nicht bemerkt. Für mich ist es ein leidenschaftliches, klares Eintreten für Grundrechte. Etwas, das bitter not tut.

Ach ja, und mir gefällt’s, dass Juli Zeh diesmal nicht einen Roman mit blutleeren Figuren rund ums Thema konzipiert hat, sondern mit eigener Stimme spricht. Funktioniert viel besser.

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Comments on: "Ilija Trojanow & Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit" (3)

  1. Eva Jancak schrieb:

    Da sollten Sie sich das Video mit dem Interview von Ilija Trojanow http://www.3sat.de ansehen.
    Ilija Trojanow ist auf der Buchmesse oft zu diesem Buch und diesem Thema interviewt worden und kann seine Meinung so überzeugend präsentieren, daß mir gar nicht eingefallen ist, daß man das auch kritisch sehen könnte.
    Bevor ich mir dieses Viedo angeschaut habe, habe ich mir die ARD Berichterstattung über den ersten Publikumstag gegeben, da wurde über die Polizeipräsenz auf der Messe und, daß man seine Taschen kontrollieren lassen muß, berichtet, bzw. die Besucher gefragt, wie sie das empfinden und interessant, alle sagten, das macht mir nichts, sie können gar nicht genug kontrollen.
    Ilija Trojanow hat das auch angesprochen und das ist für mich ein Grund, warum ich wahrscheinlich nicht mehr auf die Frankfurter Buchmesse fahre, ich bin auch seit zehn Jahren nicht mehr geflogen und den Paß verwahre ich in einer Metallschachtel, aber das ist auch keine Lösung.
    Vladimir Vertlib hat übrigens in seinem neuen Erzählband eine Geschichte, die er bei “Rund um die Burg” gelesen hat, wo es genau, um diese Massenhysterie vor dem Terror geht, die in einem Flugzeug entwickelt wird, weil dort ein Araber aufs Klo geht.

  2. joulupukki schrieb:

    Du sprichst mir aus der Seele. Mittlerweile fühl ich mich fast ohnmächtig vor diesem Überwachungswahnsinn. Vor allem, weil ich das Gefühl habe weit und breit fast nur von unkritischen und desinteressierten Menschen umgeben zu sein, denen es egal ist.
    Nächstes Jahr muss ich denn wohl auch meinen Fingerabdruck für einen neuen Pass abgeben. Ja, bin ich denn kriminell, verdammt nochmal?

  3. leselustfrust schrieb:

    @jancak: Inhaltlich sehe ich bei dem Buch nix zum Kritisieren, aber vielleicht in der Ausführung? Könnte ich ja übersehen haben… glaub ich eh nicht, aber objektiv bin ich hier nicht.

    @Joulu: tjo, wenn du an gewissen Orten dieser Welt terrorverdächtig bist, kannst du jegliche Rechte vergessen. Wieso sollen da ganz normale Bürger nicht wie Kriminelle behandelt werden?
    Was mich am meisten nervt ist, dass man dem Überwachungswahn tatsächlich nicht mehr ausweichen kann. Will ich U-Bahn-Fahren, muss ich die Überwachung akzeptieren. Will ich ein Gericht betreten, muss ich es schlucken, dass meine Tasche durchsucht wird. (Und ich finde das jedes Mal wieder äußerst demütigend und entwürdigend.)
    Ohnmächtig? Ich werde schön langsam sehr, sehr zornig. Allerdings ist mir noch keine wirklich gute Idee gekommen. Ein Volksbegehren würde vermutlich scheitern, von der Wirksamkeit von Demos war ich noch nie überzeugt,…

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