Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Manfred Lütz: Irre!

Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde.

Langer Titel, kurzes Buch – nur 190 Seiten, Sachregister inklusive. Es beinhaltet einerseits, vor allem am Anfang, einiges an Gesellschaftskritik, andererseits einen Kurzabriss über die Psychiatriegeschichte und den heutigen Stand der Wissenschaft, samt einigen Geschichten aus der Praxis.

Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut und Theologe. Er ist Chefarzt des Alexianer Krankenhauses in Köln und hat schon einige Bücher veröffentlicht.
Ich geb’s zu, jemand, der Psychiater und Theologe gleichzeitig ist und auch noch ein Buch mit dem Titel „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (dazu lieber kein Kommentar, aber das muss ich auch nicht lesen) geschrieben hat, ist mir per se suspekt. Lütz quält aber in „Irre!“ niemanden unnötig mit Religion, er nimmt lediglich einmal Franz von Assisi als Beispiel, das lass ich durchgehen.

Gut gefallen hat mir der sehr humorvolle Ton am Anfang, wenn erklärt wird, dass sowohl Hitler als auch Stalin normal waren („Der ganz normale Wahnsinn“). Danach widmet sich der Autor dem „ganz normalen Blödsinn“, Menschen wie Bohlen und Paris Hilton zum Beispiel. Auch die: völlig normal. Und mit den wunderbaren Seitenhieben gegen die Esoterik („Gegen den unglaublichen Unsinn, der da geglaubt wird, ist mancher Schizophrene im akuten Schub ein Hort reinster Rationalität.“) hat er mein Herz endgültig gewonnen.

Später, wenn es um Behandlungsmethoden und Beschreibungen der psychischen Krankheiten geht, wird der Ton ernster, was ich als passend empfunden habe. Gut verständlich wird zB erklärt, warum Psychotherapie allein nicht immer zum Ziel führt und warum Medikamente in der Behandlung wichtig sind.
Ausführlicher behandelt werden Krankheiten wie Demenz, Sucht, Schizophrenie, Depression und Manie. Sehr eindrucksvoll ist der Versuch, das Denken in einer Wahnstimmung für den Leser „spürbar“ zu machen.

Und am Ende musste ich noch einmal herzlich lachen: „Denn wer Bücher kauft, gehört schon zu einer Minderheit, und wer Bücher sogar liest und sie nicht bloß verschenkt, der ist nun wirklich nicht normal. Also keine Sorge, wenn Sie es bis hierhin geschafft haben, ein Buch zu lesen, dann sind Sie ganz sicher nicht normal.“ Verdammt. Mein Selbstbild wankt.

Also: ich habe dieses Buch gern gelesen, es ist gut verständlich und dort, wo es passend ist, auch humorvoll. Aber man sollte nicht mit einer Comedy-Version der Psychiatrie rechnen, es geht durchaus um Information und um Abbau des noch immer vorhandenen Stigmas psychisch Kranker.

Aber: das Buch ist ausdrücklich für Menschen geschrieben, die nicht vom Fach sind. Wer sich genauer informieren will wird im Nachwort auf die Fachliteratur verwiesen – ohne das ein einziges empfehlenswertes Buch genannt wird. Es gibt lediglich ein Sachverzeichnis am Ende, keine Quellenangaben, keine weiterführende Literatur. Das bewerte ich eindeutig als negativ. Außerdem zitiert Lütz in vielen Kapitelüberschriften andere Autoren oder wandelt Titel von ihnen ab. „Warum behandeln, und wenn ja, wie viele?“ klingt ähnlich wie „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ von Precht; „Irren ist menschlich“ heißt auch das Psychiatrie-Lehrbuch von Dörner, Plog und Teller; „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ ist von Wilhelm Busch. Das ist nicht generell zu kritisieren, aber so ganz kommentarlos übernehmen oder abwandeln? Oder habe ich die Hinweise überlesen?

Fazit: eine angenehm lesbare und leicht verständliche Einführung in die Psychiatrie samt einigen Seitenhieben auf die Gesellschaft, humorvoll ohne respektlos zu werden, aber leider fehlen Literatur- und Quellenangaben.

WZ-Newsline
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Seitenhiebe
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Comments on: "Manfred Lütz: Irre!" (7)

  1. Interessanter Tip, obwohl ich, auch nach dem Video ein wenig skeptisch bin, daß man in die psychiatrischen Krankheitsbegriffe humorvoll einführen kann und soll und vor allem auch, ob das diesen Herrn Professor Lütz gelungen ist.
    Bei dem Film dachte ich, da werden wieder Vorurteile widergegeben und einiges stimmt, glaube ich, so auch nicht, zumindest würde ich es nicht so bezeichnen.
    Das Psychiatrie Lehrbuch von Dörner Plog und Teller “Irren ist menschlich”, das das auch versucht, wurde mir während meiner Gesprächstherapieausbildung empfohlen und steht in meinem Praxisimmer. Ich weiß aber nicht mehr, ob ich es ganz gelesen habe.

  2. gilfaen schrieb:

    Es gehört eigentlich nicht zum Thema, allerdings wollte ich dich darauf aufmerksam machen (falls du es nicht sowieso schon weißt…), weil du von “Der lange Gang über die Stationen” (Reinhard Kaiser-Mühlecker) so angetan warst, dass es eine neue Publikation des Autors gibt:

    Magdalenaberg von Reinhard Kaiser-Mühlecker

    Es gibt Situationen, die das Ende der Kindheit bedeuten, die einen plötzlich zu einer Entscheidung befähigen, für die man doch eben noch eigentlich nicht alt genug war…

  3. Das Buch geht bei uns in der Buchhandlung weg wie warme Semmeln. Vielleicht sollte ich es mir auch mal näher ansehen. Thematisch ist es sicher interessant.

  4. leselustfrust schrieb:

    @gilfaen: Ich wusste, dass “Magdalenaberg” erscheinen wird, aber ich bin mir nicht sicher, ob mich das Thema interessiert. Deswegen warte ich noch ab… kein dringendes Lesebedürfnis

    @Nina: Das Thema ist sicher interessant, aber ich würde genau darauf achten, ob dir der Humor auch zusagt, sonst wird’s eher mühsam.

  5. sophie schrieb:

    Da ich psychisch kranke Vorfahren habe, selbst in Behandlung bin
    (mit Medikamenten geht es mir aber gut) und gerade hautnah den psychotischen Schub einer Freundin
    miterlebt habe (sie leidet an Schizophrenie), kann ich, glaube
    ich, beurteilen, ob das Buch gut ist.
    Ich finde es sehr gut. Ich wußte schon vorher sehr viel, habe gern
    noch einmal alles auf humorvolle Weise bestätigt bekommen und einiges
    dazugelernt. Auch ich finde viele
    psychisch Kranke sehr liebenswert
    und wünsche mir, daß endlich ein
    Umdenken in der Gesellschaft stattfindet. Welch ein Segen, daß
    es heutzutage Medikamente gibt, aber immer noch sagen viele: “Nimm bloß keine Psychopharmaka”, ohne
    irgendeine Kenntnis zu haben. Ich
    freue mich, daß so viele Menschen
    das Buch kaufen und hoffentlich eine andere Einstellung zu psychisch Kranken bekommen,
    vielleicht auch selbst sich endlich
    trauen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, wenn sie entsprechende
    Beschwerden haben.

  6. [...] Manfred Lütz: Irre! October 20095 comments [...]

  7. thomas schrieb:

    du hast die hinweise nicht überlesen, die anspielungen sind absicht.

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