Wolf Haas wollte bei der Buchpräsentation im Wiener Museumsquartier nicht, dass jemand einleitende Worte zum Buch spricht. Nachdem er das Publikum mit dem ersten Kapitel unterhalten hatte, las er, sozusagen als Erklärung zum Buch, die Postings aus dem Standard-Forum vor. Darauf möchte ich an dieser Stelle verweisen: http://derstandard.at/fs/1250691296113/STANDARD-Interview-Den-habe-ich-mir-eingetreten
(Und gleich zur Sicherheit, da Wolf Haas offensichtlich gerne im Internet surft: Nix da, Herr Haas. Vortragen meines Textes ohne meine Erlaubnis streng verboten!)
Auf die Vorstellung des Autors verzichte ich dennoch nicht: Wolf Haas wurde 1960 in Maria Alm am Steinernen Meer geboren. Nach seinem Linguistik-Studium arbeitete er als Unilektor in Südwales und als Werbetexter in Wien. Sprüche wie „Lichtfahrer sind sichtbarer”, „Ö1 gehört gehört” und „A Mazda müsst ma sein“ gehen auf sein Konto.
Seinen ersten Krimi, „Auferstehung der Toten“, veröffentlichte der Autor 1996. Bis 2003 schrieb er insgesamt sieben Krimis, einen davon ohne Brenner. Danach sollte eigentlich Schluss mit Brenner-Romanen sein. 2006 erschien ein völlig anderes Buch, ein Roman in Interview-Form mit dem Titel „Das Wetter vor 15 Jahren“.
Glücklicherweise hat sich Haas doch wieder entschlossen, eine weitere Brenner-Geschichte zu schreiben. Einiges hat sich geändert. Das Buch beginnt nicht mit der gewohnten Formel „Jetzt ist schon wieder etwas passiert.“ „Der Brenner“ wird jetzt „Herr Simon“ genannt und ist dank Tabletteneinnahme ausgeglichener. Außerdem hat er den Beruf gewechselt, er ist nun Chauffeur. Eigentlich geht’s ihm überraschend gut, aber natürlich nicht lange. Die ihm anvertraute zweijährige Helena, Tochter einer Abtreibungsärztin und eines Baulöwen, verschwindet spurlos aus dem Auto. Es wäre nicht der Brenner, würde er nicht anfänglich Mist bauen und sich dann beharrlich auf die Suche machen.
Haas schneidet viele Themen an: die militanten Abtreibungsgegner (die er einmal „Rosenkranzrowdies“ nennt), die Verflechtung von Wirtschaft und Politik, und das zu bauende „Riesenland“ erinnert doch stark an den neu gestalteten Pratervorplatz. Außerdem gibt es hübsche kleiner Motive, wie die Mücken, die immer wieder durch den Text fliegen oder das Stundenzählen von der Entführung an, das in Beziehung zu der Entwicklung eines Embryos gesetzt wird.
Auch wenn der „liebe Gott“ im Titel vorkommt und öfters im Buch erwähnt wird, man braucht keine Sorge zu haben, dass Haas zu religiös oder gar esoterisch wird. Ja, der Brenner trifft den lieben Gott, aber unter den Umständen geht das schon in Ordnung.
Die Sprache klingt wie eh und je, wie man es als Brenner-Fan liebt. Das „Pass auf“, das „Hilfsausdruck“, das „Du darfst eines nicht vergessen“ usw, alles wieder da. Es wirkt wie Umgangssprache, als würde jemand eine Geschichte erzählen und der Autor wortwörtlich mitschreiben, und doch weiß man, dass es eine Kunstsprache ist.
Fazit: Die Krimistory ist gelegentlich arg konstruiert, was aber beim Brenner nichts Neues ist. An einigen Stellen fand ich das Buch auch eher zäh. Dafür haben mich aber die gekonnten Seitenhiebe und die Wortneuschöpfungen wie „Rosenkranzrowdies“ mehr als entschädigt. Sprachlich ist dieses Buch – wie alle Brenner-Krimis – etwas Besonderes und absolut lesenwert.
Comments on: "Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott" (7)
Muahaha … Wolf Haas! Ich glaub, “Silentium!” dürfte das Buch in meinem Leben gewesen sein, das ich am schnellsten in die Ecke gefeuert habe. Um die Bücher von Wolf Haas zu lieben, muss man wohl einfach seinen Stil mögen – ICH hasse ihn, und damit sind die Bücher für mich unlesbar!
Für mich war es auch Gewöhnungssache. Doch nach und nach hab ich begonnen sie zu mögen … zu lieben … zu verschlingen. Selten genug übrigens, dass auch die Filme halten, was die Bücher versprechen. DOR Film sei Dank.
Und Rosenkranzrowdys merk ich mir! ^^
Da gibts ein interessantes Buch über den gewönungsbedürftigen Haas”schen Stil von einer Literaturwissenschaftlerin, nämlich Astrid Poier-Bernhard “Viel Spaß mit Haas – oder ohne Haas, je nach dem du das jetzt sehen willst, Sonderzahlverlag, 2003
Oho, das Buch über Haas kannte ich noch nicht, klingt sehr interessant.
Ich bin sofort in die haas’sche Sprache hineingekippt, aber es stimmt, die ist starke Geschmackssache. Ich höre Wolf Haas auch gerne vorlesen, manche Fans halten das gar nicht aus. Und ich bin die Einzige, die die Filme nicht ausstehen kann.
ich mag die brenner-romane sehr. mit “das wetter vor 15 jahren” konnte ich dagegen eher gar nix anfangen, im gegensatz zum rest der welt. den neuen brenner find ich nun allerdings tatsächlich arg konstruiert und irgendwie lieblos. vielleicht, weil ich mich von vornherein des eindrucks nicht erwehren konnte, dass dieses buch nur am markt ist, um kohle zu scheffeln? man weiß es nicht…
Hmmm… das “Kohlescheffeln”-Argument kommt im Zusammenhang mit dem neuen Brenner immer wieder. Ich versteh’s nicht ganz. Warum sollte Haas nicht Geld verdienen wollen/dürfen? Der Vorwurf würde wohl eher zu Dan Brown etc passen.
Ich freu mich einfach, dass es einen neuen Brenner gibt, und die Kohle sei dem Autor vergönnt. Taktisch ist es vermutlich auch klüger, nach dem “Wetter vor 15 Jahren” nicht einen neuen Roman, sondern einen Krimi zu veröffentlichen. Kehlmann hat ja nach seinem großen Erfolg auch lieber Erzählungen geschrieben…
[...] LeseLustFrust [...]