Strikt subjektive Meinungen zu privater Lektüre

Archiv für August, 2009

Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit

Der Untertitel „Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun“ ist irreführend. Es ist nicht – wie ich erwartet habe – ein schräger Ratgeber wie man mit möglichst wenig Engagement möglichst angenehm durchkommt, sondern eine sehr theoretische Abrechnung mit dem Kapitalismus und den „Unternehmen“ (nicht, dass sie sich die Mühe macht, „Unternehmen“ zu definieren…).

Von den Bemerkungen über die berufliche Phrasendrescherei war ich noch amüsiert. Misstrauisch wurde ich, als Maier verkündete, niemand arbeite gerne. „Wenn die Leute es gerne täten, dann würden sie umsonst arbeiten!“ Ja klar. Miete und Nahrung bezahlen sich von selbst, oder wie?
Auf Seite 110 war ich dann wirklich entsetzt. Ich glaube, Maier hält das für Humor: „Wann also kommt nach dem „Recht auf ein Kind“ für die unfruchtbaren Frauen und dem „Recht auf Sexualität“ für die Behinderten das „Recht auf Klonen“ für die Verrückten?“
Ich halte das für ziemlich daneben. Wie im Übrigen das gesamte Buch.

Wenn Maier sich langweilt, ist das wohl ihr Problem. Offensichtlich sucht sie sich einfach kontroversielle Themen für ihre Bücher aus (ein anderes ist zB „No Kid. 40 Gründe keine Kinder zu haben“) und hat damit auch noch Erfolg.

Fazit: Nicht lustig. Nicht informativ. Unnötig.

Wikipedia
Perlentaucher
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Reinis Blog
Christopher Tanneberger

Thomas Raab: Der Metzger muss nachsitzen

Bei Vorablesen wurde letzten Montag die Leseprobe zum dritten Metzger-Krimi, “Der Metzger geht fremd“ veröffentlicht. Ich habe bis jetzt – obwohl ich es eigentlich vorhatte – noch keinen Metzger-Band gelesen, und ich habe mich, im Gegensatz zu vielen Rezensenten, auf der Stelle in Raabs Figur verliebt. Naja, „verliebt“ ist vielleicht übertrieben, aber mir gefiel der Stil, und ich wollte sofort mehr lesen. Also habe ich mir den ersten Band der Reihe gekauft.

„Der Metzger“ heißt Willibald Adrian Metzger, ist Restaurator und ein einsamer, dem Rotwein zugetaner, Mensch. 25 Jahre nach einer mehr als unangenehmen Schulzeit stolpert er eines Nachts über die Leiche eines ehemaligen Schulkameraden, ausgerechnet der, der ihn am meisten quälte. Allerdings ist die Leiche verschwunden als die Polizei zum Tatort kommt – und der Metzger, der nicht an Zufall glaubt, beginnt, selbst zu ermitteln.

Ein bisschen märchenhaft wird’s schon. Metzger organisiert ein Klassentreffen, plötzlich mögen ihn alle, neue Freundschaften entstehen. Sogar seine Mittelschulliebe Danjela trifft er wieder, diesmal scheint es ein Happy End zu geben. Und natürlich löst er den Fall.

Raabs Stil erinnert an den von Wolf Haas, was ja prinzipiell nichts Schlechtes ist. Etwas glatter vielleicht, und mit vielen, vielen Rufzeichen. Österreichisch, mit einem Hauch Kabarett, mit weltanschaulichen Exkursionen. Die Stadt, in der alles spielt, wird übrigens nicht näher bezeichnet. Zählt man aber „Matura“ (als Zeichen, dass die Handlung in Österreich angesiedelt ist) mit den U-Bahn-Fahrten zusammen, bleibt nicht mehr viel Raum für Spekulationen.

Fazit: Das Österreichische muss man mögen und verstehen (NEIN! Das ist kein Bulle von Tölz!!!), aber dann ist es ein vergnügliches, gelegentlich bitterböses Krimileseerlebnis. Ich werde diese Serie weiterverfolgen.

Die Taschenbuchausgabe von Band zwei, „Der Metzger sieht rot“, soll am 26. August erscheinen, Band drei als Hardcover am 11. September.

Homepage von Thomas Raab
Literaturhaus mit Leseprobe
Buchkritik.at
Annemirls kleine Welt
Suite 101
Kunstschlampe

Ernest Hemingway: Fiesta

Leseabbruch auf Seite 133

Ich mag Hemingway, aber momentan geht er mir nur auf die Nerven. Einerseits liegt das natürlich an der furchtbaren Übersetzung, andererseits schon am Inhalt. Ich halte diese deprimierende Geschichte mit dem vielen Alkohol gerade überhaupt nicht aus.

Es ist heiß, es ist Sommer, ich möchte mich berieseln lassen. 150 Seiten, um das Buch zu beenden, sind nicht viel. Momentan zu viel, es macht einfach kein Vergnügen. Ich habe viel mehr Lust auf den Metzger-Krimi von Thomas Raab, und wie immer werde ich mich zu nichts zwingen. Thomas Raab sticht Hemingway. Ein bissl komisch, aber was soll’s.

Inhaltsangabe bei Wikipedia
Literatur mit Martinus
Biblionomicon

Ernst Molden: Austreiben. Vampir-Roman

Ernst Molden, geb 1967, ist ein Wiener Schriftsteller und Musiker. Momentan schreibt er für die Samstagsbeilage der Tageszeitung „Kurier“ eine wunderbare Kolumne mit dem Titel „Wien Mitte“ die hohes Suchtpotential hat.

Die Geschichte spielt im heißen Sommer 1999 in Wien. Wer mit Stephansdom und Walzerklang rechnet, wird enttäuscht werden. Das kommt nicht vor, dafür die Donau, egal ob Lobau oder Donaukanal. Was übrigens auch nicht vorkommt, sind Vampire. Man kann höchstens die Gelsen als Vampire deuten.
Das macht aber nichts, denn Molden interpretiert das Donauweibchen als Dämon, genauer als Succubus. Ganz klassisch, er erfindet nicht wie aktuell üblich seine eigenen Fantasy-Figuren.

Das Donauweibchen verführt also Menschen (was einige Sex-Szenen bedingt, aber nicht prominent und wirklich zur Handlung passend), die in der Folge böse Aufträge von ihr ausführen und meist selbst zu Tode kommen. Hier gibt es mehrere blutige und grausige Details, abgebissene Brustwarzen zum Beispiel, einen Würstelstandbetreiber, der auf seiner Hot-Dog-Maschine sein Ende findet, oder eine brave Ehefrau, die ihren Gatten filetiert.
Besonders gelungen ist der Anfang, wenn der Radiomoderator Joe auf Sendung schmutzige Geheimnisse prominenter Persönlichkeiten ausplaudert und zwischendurch die Reaktionen seiner Zuhörer beschrieben werden.

Das Böse ist in diesem Buch also richtig böse und gefährlich, keine Ambivalenz, und der Sex mit ihm ist gefährlich, wenn nicht tödlich. Gefährlicher Sex, das riecht schwer nach Moral, aber auch diese Klippe umschifft Molden problemlos.

Gegenspielerin des Donauweibchens ist die Kommissarin Magister Mimi Sommer, die damit beauftragt ist, die seltsamen Ereignisse in der Lobau zu klären. Als sie schließlich dahinter kommt, dass sie es mit einem Dämon zu tun hat, wendet sie sich an einen Priester, das Ende ist eine klassische Teufelsaustreibung.

Molden spielt durchaus damit, dass die Ereignisse rational zu erklären wären, mit Hitzschlag oder psychischen Problemen (Joe landet zB direkt in der Psychiatrie in Steinhof). Es bleibt aber ein phantastischer Roman, der eben sehr stark in der Realität, schon allein durch genaue Zeit- und Ortsangaben, verankert ist.

Mir hat’s sehr gut gefallen. Ich mag Bücher, die in Wien spielen, sowieso. Die Verarbeitung einer Sage zu einem Fantasy-Roman mit Krimieinschlag finde ich wunderbar.

Literaturhaus mit Leseprobe
Buchkritik
Lyrikwelt
Sandammeer
Interview mit Ernst Molden mit der spannenden Frage, ob man “Austreiben” auch zehn Jahre später noch lesen möchte. Die kann ich ganz einfach beantworten: ja, „Austreiben“ bereitet auch 2009 ausgesprochenes Vergnügen
Homepage von Ernst Molden
My Space- Site von Molden & Band mit Hörproben – hört euch “Hammaschmidgossn” mit Willi Resetarits an!

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche

Zum Autor:
Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren und lebt inzwischen mit Frau und Kind in Wien. Vor seiner schriftstellerischen Karriere arbeitete Glavinic ua als Werbetexter und Taxifahrer, als Schüler spielte er auch Schach auf einem Niveau, dass er auf Platz zwei (in seiner Altersklasse) der österreichischen Schachrangliste aufschien.

Sein Debutroman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ erschien 1998. Die Geschichte, die auf dem Leben des österreichischen Schach-Großmeisters Karl Schlechter basiert, ist lesenswert, bemerkenswert sind allerdings die biographischen Angaben zum Autor im Klappentext: „”ernährte sich von 1985 bis 1989 ausschließlich von ‘Kinderschokolade Zigeunerrädchen und Cola’”; “nahm 1986, ‘gleichwohl der Kinderpsychiatrie entgehend’, Kurt Waldheim in Schutz”. Das fasziniert mich noch immer.

2000 erschien „Herr Susi“ (ein Roman über Fußball, nicht weiter erwähnenswert), 2001 „Der Kameramörder“ (ein Krimi), 2004 „Wie man leben soll“(eine Satire, durchgehend im „man“-Stil verfasst), 2006 „Die Arbeit der Nacht“ (ein düsterer Roman über Jonas, der sich plötzlich allein auf der Erde wieder findet) und 2007 „Das bin doch ich“ (wieder satirisch, diesmal über den Literaturbetrieb). Wer Glavinic noch nicht kennt, dem empfehle ich schon an dieser Stelle, die Bücher in der Reihenfolge des Erscheinens zu lesen um die Entwicklung dieses Schriftstellers, seine thematische und stilistische Vielfalt, gut nach verfolgen zu können.

Inhalt:
Jonas, 35, wenig ambitionierter Werbetexter, verheiratet mit Helen, zwei kleine, geliebte Söhne und außerdem die heimliche Geliebte Marie, bekommt von einem zwielichtigen Mann die Erfüllung von drei Wünschen angeboten. Zunächst ungläubig, beginnt er zu überlegen:

„Ich könnte mir wünschen zu erfahren, ob das Leben einen Sinn hat. Nicht? Oder ob Sterben einen Sinn hat.“ (…) „Ich hätte gern mehr über den Tod gewusst, ehe ich sterbe.“ (..) „Ich hätte vielleicht gern gewusst, wie es ist, knapp davonzukommen. Um ein Haar an großem Unheil vorbeizuschlittern, verstehen Sie?“ (…) „Weniger träge zu sein. Mehr zu unternehmen. Mich aufraffen zu können. Aktiver zu sein, neugieriger, lebendiger. Neues auszuprobieren!“ (…) „Ich könnte mir wünschen, mein Verhältnis zu den Menschen zu verstehen, richtig? Größe könnte ich mir in mein Leben wünschen, Dramatik und Besonderheit. Ich könnte mir wünschen, ein anderer zu sein, ein reicher Erbe, der… Ich könnte mir einen sinnvollen Tod wünschen, damit er besser zu ertragen ist. Ich könnte mir wünschen, einen Feind – den ich nicht habe – töten zu lassen (…).“
Allerdings schließt Jonas diese Überlegungen damit ab: „ich wünsche das alles nicht. Ich wünsche mir: mehr Wünsche. Ich wünsche mir, dass sich alle meine Wünsche erfüllen.“

Der Fremde stimmt dem zu. Von da an verändert sich Jonas’ Leben. Er erlebt mit, wie eine Tankstelle überfallen wird und wie ein Mensch direkt vor ihm von einem Lastwagen angefahren wird. Helen stirbt plötzlich, und es stellt sich heraus, dass auch sie einen Geliebten hatte – der auf grausame Weise zu Tode kommt. Marie verlässt ihren Mann, dieser geht in ein Kriegsgebiet. Nachts kann er nicht schlafen, bei seinen Streifzügen passieren eigenartige Dinge. Eines Nachts wird die Stadt von Wassermassen geflutet, morgens sind nur noch kleine Überbleibsel zu sehen. Jonas’ Aktien steigen, seine Vertraute und Exfreundin Anne, die Krebs hat, gesundet plötzlich, usw.
Manches von diesen Erlebnissen ist sehr surreal, Jonas findet sich ua im Weltall wieder, anderes nur außergewöhnlich. Ob Jonas sich zumindest einen Teil davon nicht nur einbildet, bleibt offen. So wie nicht alles abgeschlossen wird – was passiert zB mit dem Meteoriten?

Am Ende brechen Jonas und Marie zu einer Reise ans Meer auf (ich halte es eher für verschwimmende Zeit als für einen Fehler des Autors, dass hier die zeitliche Abfolge nicht ganz stimmt) und werden von einer Flut verschlungen.

„Das Leben der Wünsche“ steht „Der Arbeit der Nacht“ sehr nahe. Wieder heißt der Protagonist Jonas (auch weitere kleinere Details stimmen überein, wie zB der Name der Geliebten Marie), wieder herrscht eine sehr düstere, beklemmende Atmosphäre. Die Verbindung zwischen beiden Romanen ist einerseits deutlich erkennbar, andererseits schwer fassbar. Als hätte der Autor seiner einsamen Figur ein zweites, alternatives Leben geschenkt. Leider war gerade „Die Arbeit der Nacht“ dasjenige seiner Bücher mit dem ich am wenigsten anfangen konnte. Ich mochte diese Stimmung einfach nicht, was aber nichts über die Qualität aussagt. „Das Leben der Wünsche“ ist allerdings um vieles leichter lesbar, es ist eines der Bücher, die ich in kürzester Zeit verschlungen habe – trotz Zurückblätterns um die Schlüsselszene am Anfang mehrmals zu lesen.

Dieses Buch steht vielfältiger Interpretation offen, dennoch störe ich mich nach wie vor an dem Satz „Das alles wünsche ich mir nicht.“ All die erfüllten, nicht wirklich eingestandenen dunklen Wünsche Jonas’ beziehen sich auf die Aufzählung am Anfang. Aber Jonas hat diese Überlegungen eben damit abgeschlossen, dass er sich diese Dinge nicht wünscht. Allerdings kennt man das aus jedem Märchen, dass die Wunscherfüllung eine gefährliche Sache ist. Ein nicht klar definierter Handel ist der übliche Stolperstein, genau das passiert Jonas.

Die Sprache ist knapp, aber klar. Störend fand ich lediglich, dass ein österreichischer Autor Worte wie „Wurstbude“ benutzt.
Anführungszeichen bei der direkten Rede werden weggelassen, gelegentlich auch Chats und SMS samt der nicht immer korrekten Groß- und Kleinschreibung eingebaut. Mit Personenbeschreibungen hält sich der Autor nicht auf, hier bleibt er konsequent beim Erzählen aus der Sichtweise Jonas’ (und der weiß ja, wie die Menschen um ihn herum sind und in welcher Beziehung sie zu ihm stehen). Eine personale Erzählsituation in der dritten Person, wohl nicht zufällig die Erzählweise Kafkas.

Fazit: Ein düsteres Buch mit vielen Interpretationsmöglichkeiten, das sicher mit mehrmaligen Lesen noch mehr gewinnt. Beim erstmaligen Lesen habe ich noch nicht alle Anspielungen und Möglichkeiten verstanden, aber es beschäftigt mich noch. Nur eines ist sicher: auch wenn es um Wünsche geht, mit einem Märchen darf man nicht rechnen.

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