Sabine Gruber: Über Nacht
Erstmals gebloggt am 14.1.09
“Über Nacht” hat es immerhin auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2007 geschafft – für den Sieg war das Buch aber zu gut (dieses Vorurteil wird mir halt immer lieber: der Deutsche Buchpreis geht meiner Meinung nach prinzipiell an das langweiligste Buch des Jahres). Sabine Gruber hat damit aber andere Preise gewonnen, zB den Buch.Preis der Arbeiterkammer Oberösterreich. Gut so. Mir wäre dieser Roman trotzdem entgangen, aber zum Glück hat mich eine Kollegin darauf aufmerksam gemacht.
Erzählt wird die Geschichte zweier Frauen. Bevor ich weiterschreibe, möchte ich gleich warnen: diesmal verrate ich das Ende, ich finde, dass es für die Beurteilung des Buches wichtig ist.
Irma lebt in Wien, hat einen kleinen Sohn (Florian) aus einer flüchtigen Affäre, arbeitet an einem Projekt über seltene Berufe und bekommt gleich am Anfang eine Niere transplantiert. Dies verändert ihr Leben, einerseits deswegen, weil die zeitaufwendige Dialyse wegfällt und sie kaum mehr Diät halten muss, andererseits, weil sie anfängt, sich mit ihrem Leben mehr auseinanderzusetzen. Sie verliebt sich, sie sucht erneut nach dem Vater des Kindes um Florian wenigstens ein Foto zeigen zu können, und sie denkt über den Toten, dem sie das Leben verdankt, nach. Irma hat Probleme damit, dass sie so gar nichts von diesem Fremden weiß, und sie löst dies auf ihre Art. Sie erfindet eine Organspenderin und deren Leben. Dies ist Mira, Krankenschwester in einem römischen Altersheim, mit einer unbefriedigenden Ehe samt dem Verdacht, dass ihr Mann fremdgeht. Hat er eine Geliebte oder ist er schwul? Gelöst wird diese Frage nicht.
Eine Nebenhandlung ist dem schwulen Bruder Irmas, Richard, und dessen Freund gewidmet, und auch den aussterbenden Berufen wird Raum zugestanden. Sehr schön sind die kunstvoll eingeflochtenen kleinen Alltagsbeobachtungen wie belauschte Gespräche im Kaffeehaus.
Dass Mira nur eine Erfindung Irmas ist, erfährt man erst auf den letzten Seiten. Bis dahin darf der Leser rätseln, ob und wenn ja welcher Zusammenhang zwischen den beiden Frauen besteht. Erzählt wird abwechselnd, ein Kapitel Mira, ein Kapitel Irma. Miras Teil ist in der Ich-Form geschrieben, Irmas Bereich wird von einem auktorialen Erzähler übernommen. Details sind ähnlich, beide interessieren sich für Vögel, kennen die gleichen Orte, schlafen mit dem gleichen Mann (Rino ist der Vater von Irmas Kind und kurzfristig der Geliebte Miras), haben mit den gleichen Menschen in unterschiedlichen Situationen zu tun. Diese Gleichheiten werden aber sehr sparsam und vorsichtig, fast beiläufig, eingesetzt.
Die Sprache ist nüchtern und präzise, mit gelegentlichen poetischen Anklängen. Besonders beeindruckend fand ich, dass der Roman so sorgfältig geplant ist und dennoch nicht künstlich konstruiert wirkt. Das Thema „Organspende“ wird so abgehandelt, dass man zum Nachdenken angeregt wird und dennoch eine interessante Geschichte liest.
Fazit: ein wunderbarer Roman, sowohl sprachlich als auch inhaltlich herausragend.
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