Ann Pearlman wurde in Washington, D.C. geboren. Sie lebt als Schriftstellerin und Psychotherapeutin in Ann Arbor, Michigan. Das vorliegende Buch ist ihr Debut-Roman.

Die Umschlaggestaltung hat mich überrascht: orange und gelb sind Farben, die üblicherweise mit Herbst verbunden werden, nicht mit Weihnachten. Aber gut, es sind ja auch Sternchen und Kekschen abgebildet, also von mir aus. Dazu gibt’s noch ein sternförmiges Lesezeichen (das ich nicht verloren habe, ich bessere mich!).

Immer am ersten Montag im Dezember treffen sich zwölf (wechselnde) Freundinnen, um Weihnachtsbäckerei auszutauschen, zu plaudern und zu feiern. Dieser Christmas Cookie Club hat sehr strenge Regeln, die dem Leser gleich am Anfang präsentiert werden. Ebenso streng sind die Kapitel aufgebaut: zuerst das Rezept, dann die Geschichte einer der Frauen, zuletzt Wissenswertes über eine Zutat. Ein Inhaltsverzeichnis habe ich vermisst, was sehr schade ist: sucht man ein Rezept, muss man blättern. Es gibt allerdings ein eigenes Rezeptheft von Dr. Oetker (auf dieser Seite ist auch ein Gewinnspiel zum Buch) mit an den deutschen Geschmack angepassten Rezepten.

Erzählt wird im Präsens aus der Sicht Marnies, die den Club ins Leben gerufen hat und auch die Party veranstaltet. Die Sprache ist simpel und kunstlos. Mich stört’s, wenn ein Ausdruck wie „oh-oh“ gehäuft verwendet wird oder man öfters das Gefühl bekommt, einen Satz so ähnlich schon vorher gelesen zu haben, so, als wären Textbausteine verwendet worden. Wenn eine der Frauen tanzt, lässt sie zB immer „die Hüften kreisen“.

Trotzdem hätte ich das Buch bis kurz vor dem Ende als leicht lesbare, leicht verständliche, zuckersüße Wellnesslektüre für die Vorweihnachtszeit beurteilt. Wenn sich Pearlman nicht noch einen wirklich groben Fehler erlaubt hätte.

Wie wichtig Freundschaft ist wird in der Geschichte oft betont. Im letzten Kapitel stellt sich allerdings heraus, dass eine der Frauen befürchtet hatte, aus dem Club ausgeschlossen zu werden weil sie sich wegen finanzieller Probleme die Zutaten für die Cookies nicht leisten konnte. Das Problem wird nicht durch eine Änderung der Clubregeln (das wird nicht einmal angedacht) sondern dadurch, dass eine Freundin ihr – ohne die anderen zunächst einzuweihen – die Zutaten kauft.
Für mein Empfinden ist das ein heftiger Widerspruch zwischen der vordergründigen Botschaft und dem eigentlich Erzählten. Was ist denn das für eine Freundschaft, wo man aus finanziellen Gründen den Ausschluss fürchten muss? Wo man nicht einmal wagt, darüber zu reden? Da kann vorher noch so oft geschrieben worden sein, wie wichtig Freundschaft ist, wenn das tatsächliche Handeln so aussieht, ist das wertlos. Pearlman dürfte diesen Bruch gar nicht erkannt haben, thematisiert wird er nicht. Und das darf einem Autor nie, niemals passieren. Damit ist das Buch bei mir durchgefallen. Völlig.

Lesprobe und viele Rezensionen gibt es bei Vorablesen.

Der Titel war vielversprechend – das Richtige, wenn man schräge Bücher mag. Dachte ich, und lag falsch.
Nicht lustig, nicht informativ, nicht einmal der Voyeurismus wird anständig bedient. Dazu eine kunstlose Sprache. Ein Beispiel für einen der vielen missglückten Sätze: „…also mir persönlich würde das dann mehr bringen.“ Gesprochen ist so ein Satz in Ordnung, geschrieben eine Katastrophe.
Oder Gassner erzählt, dass der Abschied von einem Mann „stilvoll“ war. Mehr nicht. Nur „stilvoll“. Was ist passiert? Was ist „stilvoll“? Keine Ahnung…

Nein danke, das mag ich nicht lesen. Abbruch auf Seite 60.

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Sabina Naber wurde 1965 in Niederösterreich geboren. Sie war ORF-Redakteurin, Schauspielerin und Regisseurin und arbeitet heute als Schriftstellerin in Wien.

Kommissarin Maria Kouba ermittelt im vorliegenden Buch zum fünften Mal. Der Vorgängerband „Der letzte Engel springt“ erschien 2007, ich habe ihn (und alle anderen Kouba-Krimis) gelesen bevor ich mit dem Bloggen begann.

Maria ist erfolgreiche Polizistin in Wien. Ihr Lover Phillip Roth ist gleichzeitig ihr Kollege was nicht immer einfach ist.

Gleich am Beginn wird Maria von einer Straßenbahn angefahren, entgeht knapp dem Tod und leidet unter einer Amnesie. Für ihre Genesung nimmt sie sich keine Zeit, denn ein Mord muss aufgeklärt werden. Der Pfleger einer Alzheimer-Patientin wurde ermordet, kurz darauf sterben auch Zeugen. Und gleichzeitig werden in Wien auffällig viele Babys ausgesetzt.

Sabina Naber packt in diesen Krimi einige aktuelle Themen: Fortpflanzungsmedizin, Klonen, Ethik, ein bisschen Religion und Sekten. Sex spielt auch – wie in den Vorgängerromanen – eine wichtige Rolle.

Die Geschichte ist generell interessant, man merkt die sorgfältige Recherche. Dennoch ist „Die Lebenstrinker“ einer der schwächeren Krimis der Kouba-Reihe. Marias Verwirrung bezüglich der Amnesie und des ungeklärten Verhältnisses zu Phillip beeinträchtigt die Spannung. Der Schwerpunkt liegt mehr auf Marias Krise denn auf dem Krimi-Plot, das macht die Lektüre gelegentlich mühsam.

Fazit: ich mag die Kouba-Reihe, aber von Band 5 war ich nicht so begeistert.

Zusammenfassung der Pressestimmen auf der Homepage der Autorin (sehr souverän, kritische Meinungen werden nicht unterschlagen!)
Verlagshomepage
syndikat
Krimi-Couch
Literaturhaus (mit Leseprobe)

Im Oktober habe ich erstmals seit Monaten relativ wenig gelesen: knapp über 2.000 Seiten. Mir fehlte einfach die Zeit… Dafür habe ich zu meiner eigenen Überraschung Hörbücher für mich entdeckt. Diese werdet ihr in der Statistik aber vorerst nicht finden, vielleicht ab 2010. Das muss ich mir erst überlegen. Momentan tendiere ich eher dazu, die Hörbücher ganz aus dem Blog wegzulassen.

Zu allen gelesenen Büchern bis auf „Die Lebenstrinker“ (hier kommt die Besprechung im Laufe der Woche) gibt es Artikel – bitte benutzt die Suchfunktion.

 

Gelesen:

  1. Manfred Lütz, Irre!, 190 Seiten
  2. Katja Sindemann, Mazzesinselkochbuch, 157 Seiten
  3. Jörg Mauthe, Wiener Knigge, 125 Seiten
  4. Ilse Kilic, Das Wort als schöne Kunst betrachtet, 142 Seiten
  5. Ernst Molden, Wien. Hinweise zum Umgang mit einer alten Seele, 164 Seiten
  6. Ilija Trojanow & Juli Zeh, Angriff auf die Freiheit, 139 Seiten
  7. Nick Hornby: Juliet, Naked, 360 Seiten
  8. Zoe Ferraris, Totenverse, 430 Seiten
  9. Sabina Naber, Die Lebenstrinker, 320 Seiten

Abgebrochen:

  1. Marianne Eschbach, Mirandas Traum, auf Seite 186

Gekauft:

  1. Nick Hornby: Juliet, Naked
  2. Ilija Trojanow & Juli Zeh, Angriff auf die Freiheit
  3. Andreas Unterweger, Wie im Siebenten

Geschenkt:

  1. Katja Sindemann, Mazzesinselkochbuch (Rezensionsexemplar)
  2. Zoe Ferraris, Totenverse (Rezensionsexemplar)
  3. Sabina Naber, Die Lebenstrinker (Rezensionsexemplar)
  4. Ann Pearlman, Der Christmas Cookie Club (Vorablesen)

Bookcrossing:

  1. Mona Gasser: Ex-Callgirl: Mein lustvolles Privatleben oder: Wie finde ich meinen Traummann?
  2. Martin Millar: Kalix. Werwölfin von London

Bücherei:

  1. Jörg Mauthe, Wiener Knigge
  2. Ilse Kilic, Das Wort als schöne Kunst betrachtet
  3. Ernst Molden, Wien – Hinweise zum Umgang mit einer alten Seele

Aktuelle SUB-Höhe: 14 Bücher

Ich bin noch immer schreibfaul. Für zwei Hörspiele, die jeweils nur knapp über eine Stunde dauern, lohnt aber eine längere Besprechung auch nicht wirklich. Deswegen gibt es nur kurze Kommentare.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch in dieser Version: kurzweilig und amüsant. Manche Charaktere hätte ich mir detaillierter gezeichnet gewünscht, ob das an der Hörspielfassung liegt oder eine Schwäche des Buches ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Gelegentlich doch sehr klischeehaft, aber eine fesselnde Geschichte.

Bram Stoker: Dracula in dieser Version: elegant und faszinierend. Fein gemacht. Düster, aber nur unterschwellig bedrohlich – und es zeigt noch deutlicher, von welch minderer Qualität die aktuellen Vampir-Bücher sind.

Der Originaltitel lautet „City of Veils“ („Stadt der Schleier“), und wieder einmal ist es mir ein Rätsel, wie es zum deutschen Titel kam. Eigentlich passt der gar nicht zur Geschichte:

Die junge Filmemacherin Leila wird tot und grausam entstellt am Strand von Dschidda gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass sich Leila sowohl durch ihre Art als auch durch ihre Arbeit jede Menge Feinde gemacht hat.
Zeitgleich kehrt Miriam Walker von einem Heimaturlaub in den USA in das für sie kaum erträgliche Leben in Dschidda zurück. Kurz darauf verschwindet ihr Mann Eric spurlos. Gibt es einen Zusammenhang?
Und natürlich gibt es ein Wiedersehen mit der Pathologin Katya und dem Wüstenführer Nayir aus “Die letzte Sure“. Nayir hat’s vermasselt, er und Katya hatten monatelang keinen Kontakt. Aber jetzt kümmern sie sich wieder gemeinsam um einen Fall, und es knistert gewaltig. Spannend, wie Nayir mit seiner religiösen Weltanschauung, die nicht ganz zu seinen Gefühlen für die moderne Katya passt, kämpft.
Diesmal gibt es noch ein weiteres interessantes Paar: Katyas Chef Osama und seine Frau Fahu haben Eheprobleme nachdem Osama entdeckte, dass seine Frau heimlich die Antibabypille nimmt und keine weiteren Kinder will.

Die Beschreibungen des Alltags in Dschidda sind auch im zweiten Band wunderbar gelungen. Wieder schafft es die Autorin, dem Leser eine fremde Welt ohne Wertung und doch plastisch vor Augen zu führen. War die Amerikanerin Miriam im Flugzeug noch eine selbstbewusste Frau, wird sie schon am Flughafen eine andere. Sie findet sich im Raum für unbegleitete Frauen und muss warten bis ihr Ehemann sie abholt. Katya hat zwar jetzt einen besseren Job, aber sie musste dafür behaupten, verheiratet zu sein. Und Leilas Bruder hat einen Dessousladen, in dem Männer als Verkäufer angestellt sind – was für ein Widerspruch!

Sehr gespannt war ich, wie Ferraris die Beziehung von Katya und Nayir in „Totenverse“ gestalten wird. Immerhin sind sie sich am Ende von „Die letzte Sure“ schon sehr nah gekommen. Die Lösung, die beiden sozusagen wieder bei Null beginnen zu lassen, ist gut gelungen und passt zu Nayirs Charakter.
Schade finde ich allerdings, dass Katya eine relativ kleine Rolle spielt. Ab der Hälfte des Buches taucht sie nur selten auf, allerdings gibt es am Schluss noch eine sehr interessante Szene, die ich hier nicht verraten möchte.

Fazit: ein intelligenter Krimi bei dem die Alltagsbeschreibungen mindestens ebenso spannend sind wie die Aufklärung der Morde. Den ersten Band sollte man für den vollen Genuss allerdings kennen. Ich freue mich schon auf das dritte Buch.

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Büchereule

Ja, ihr habt richtig gelesen: Hörbuch. Bis jetzt habe ich mich für Audiobooks ja nicht sonderlich interessiert. Das einzige Mal, als ich mir dachte, das könnte auch etwas für mich sein war, als ein Kollege während einer längeren Dienstreise im Zug gemütlich sein Hörbuch hörte und dabei den Ausblick genießen konnte während ich mich zwischen Lesen und Gucken entscheiden musste.

Heuer habe ich mir allerdings vorgenommen, dem Herbst-Winter-Blues keine Chance zu geben, besser auf meine Ernährung zu achten (ernsthaft mindestens fünf Obst- und Gemüseportionen am Tag essen, genug trinken, eben diese ganzen WHO-Empfehlungen) und mehr an die frische Luft zu gehen. Das funktioniert seit ein paar Wochen ganz gut, aber damit ich auch dran bleibe, kommen die Hörbücher zum Einsatz. So bin ich gleich viel motivierter, auch bei schlechtem Wetter brav rauszugehen.

Momentan experimentiere ich noch. Nicht alles ist für meine Zwecke geeignet – Ingeborg Bachmanns Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ braucht zB mehr Konzentration, das werde ich mir daheim anhören müssen. Über Tipps würde ich mich daher sehr freuen!

Wunderbar funktioniert hat aber Mary Shelly’s Frankenstein, in dieser Version (Gratis-Download). Die Sprecher sind Patrick Imhof und Thomas Dehler, beide haben angenehme Stimmen, denen ich gerne zugehört habe.

Ich kannte das Buch überhaupt nicht. Keine Ahnung, warum ich es noch nicht gelesen habe, es ist doch ein Klassiker der Horror-Literatur und Frankenstein ein Monster, das jeder kennt.

Die Geschichte: Robert Walton ist auf einer Nordpol-Expedition, auf der er auf Victor Frankenstein trifft. Letzterer erzählt ihm seine Geschichte, wie er von Ehrgeiz getrieben ein Wesen erschaffen hat. Der „Dämon“ verfolgt ihn nun, tötet seine Lieben und verlangte eine Gefährtin.

Erzählt wird zum Teil in Briefform, zum Teil von einem Ich-Erzähler. Mich hat die psychologische Tiefe überrascht und die Vielfältigkeit der Interpretationsmöglichkeiten. Shelley deutet sehr wohl an, dass Frankensteins Geschichte nicht real sein könnte, immer wieder wird beschrieben, dass Frankenstein nicht psychisch gesund sein kann. Das Monster selbst ist nicht ursprünglich böse, sondern ein Getriebener. Böse wird es auch erst durch die Darstellung seines Schöpfers, der die durchaus verständlichen Forderungen und die dazugehörigen Erklärungen als Beredsamkeit einer schlechten Kreatur abtut.
Die Moral – Warnung vor unkontrolliertem Forschen – ist zwar sehr klar erkennbar, aber nicht meine. Für mich ist der Aspekt, dass es zur Katastrophe nicht durch die Forschung an sich, sondern durch Frankensteins unkorrigierbarer Meinung, ein Monster geschaffen zu haben, kommt, wichtiger.

Ich vermute, dass ich das Buch, hätte ich es gelesen, abgebrochen hätte. Zu detailverliebt, zu umständlich, zu sehr seiner Entstehungszeit verhaftet. Vorgelesen konnte sich aber der Zauber des Textes voll entfalten.

Informatikserver
Wikipedia zum Roman
Das Meinungs-Blog
Kritik von Dieter Wunderlich zum Roman

Tjo. Bei Wolf Haas verfällt man bei der Buchbesprechung gern in den typischen Brenner-Ton, es ist nur allzu verlockend. In „Juliet, Naked“ spielen zwei unterschiedliche Rezensionen eines Albums eine große Rolle, ergo möchte man gern der sein, der die „richtige“ Interpretation erwischt. Eine böse Falle.

Die Story: Duncan und Annie sind seit fünfzehn Jahren ein langweiliges Paar. Duncans größte Leidenschaft ist Tucker Crowe, ein Singer/Songwriter, der seit den 80ern keinen Ton mehr von sich gegeben hat. Bis plötzlich doch ein Album erscheint, eben „Juliet, Naked“. Annie und Duncan sind darüber völlig unterschiedlicher Meinung, und beide veröffentlichen sie auch im Internet. Tucker schreibt Annie eine Mail, und von da an passiert einiges: Duncan trennt sich von Annie wegen seiner neuen Kollegin Gina, und Annie korrespondiert heimlich mit Tucker.
Zum Ende sei nur so viel verraten: es ist unbefriedigend und ziemlich offen.

Ein typisches Nick-Hornby-Buch also, es geht um Musik, Fans und Beziehungen. Routiniert geschrieben, mit einigen wirklich witzigen Momenten. Ich hab’s gern gelesen, ich wurde gut unterhalten, ich mag Nick Hornby nach wie vor, aber… Eben aber. War Hornbys Frauenbild immer schon so antiquiert, oder fällt mir das das erste Mal auf? Muss die ca vierzigjährige Annie wirklich so unbedingt klassisch-klischeehaft ein Kind wollen? Muss Duncan ein derart engstirniger Idiot sein? Warum ist Tucker zuerst so fasziniert von Annies Mails und dann ohne jede Erklärung so distanziert? Dazu noch das enttäuschende Ende.

Fazit: nette Unterhaltung, aber ich habe mir mehr erwartet

kaliban
now!
Papiergeflüster
Literaturzeitschrift.de
Fiddler’s Blog
Als ich ein Hamster war

Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte

Seit ein paar Tagen drücke ich mich davor, etwas zu diesem Buch zu schreiben. Nicht weil es schlecht ist, das nicht. Ganz im Gegenteil. Aber wie bespricht man ein Buch, das die eigene Meinung so punktgenau trifft? Mir macht die sogenannte „Terrorabwehr“ längst mehr Angst als der Terror selbst. Plötzlich findet es kaum einer mehr seltsam, dass die Unschuldsvermutung in bestimmten Fällen nicht mehr gelten soll. Fehlt es denn so sehr an Fantasie, dass man sich nicht vorstellen kann, selbst, als unschuldiger Bürger, unter Verdacht zu geraten? Plötzlich ist Folter wieder etwas, das man in Betracht ziehen kann. Hat nicht die Geschichte längst gelehrt, dass unter Folter erpresste Geständnisse wertlos sind?

Und im Alltag: wie komme ich dazu, mich in der U-Bahn oder anderswo einer Überwachunsgkamera auszusetzen? Den Satz, wer nichts zu verbergen habe, brauche nichts zu fürchten, kann ich nicht mehr hören. Gerade weil ich nichts zu verbergen habe, habe ich das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Abgesehen davon, dass die Videoüberwachung eh nix nützt.

Ilija Trojanow und Juli Zeh behandeln in „Angriff auf die Freiheit“ genau diese Themen. Aber, wie schon oben geschrieben: eine kritische Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen ist mir nicht möglich, zu sehr trifft es meine Meinung. Und da kann es schon passieren, dass man Dinge übersieht. Ich habe zB die Polemik, die andere Rezensenten wahrgenommen haben, nicht bemerkt. Für mich ist es ein leidenschaftliches, klares Eintreten für Grundrechte. Etwas, das bitter not tut.

Ach ja, und mir gefällt’s, dass Juli Zeh diesmal nicht einen Roman mit blutleeren Figuren rund ums Thema konzipiert hat, sondern mit eigener Stimme spricht. Funktioniert viel besser.

heise online
Perlentaucher
Falter
Spreeblick
Surveillance Studies
sciencegarden

Die Verlosung des Mazzesinsel Kochbuch von Katja Sindemann ist abgeschlossen. Hubert K. bekommt das Buch – es ist schon unterwegs. Herzlichen Glückwunsch!

Schon wieder ein Wien-Buch, werdet ihr sagen. Aber das hier ist wirklich etwas Besonderes! Nach ”Austreiben” wollte ich mehr von Molden lesen, und ein Wien-Buch wirkt immer anziehend auf mich.

Molden als „Reiseführer“ ist wunderbar. Persönlich, poetisch, originell, kenntnisreich. Dazu gibt es noch beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotos von Nikolaus Similache.
Worum geht es? Der Leser begleitet den Autor ins unvermeidliche Kaffeehaus, zum Donauturm, ins Haus des Meeres, in die „Zauberklingel“, sogar zu außergewöhnlichen Bällen und an viele andere Orte. Man bekommt Ratschläge zum Straßenbahnfahren und für trübe Tage, erfährt einiges über Moldens (und durchaus auch die Wiener) Lebensart, über Greißler oder über Wiener Engel.
Beschreiben lässt sich das schwer, Moldens Tonfall kann man nicht wiedergeben.

Lesenswert für jeden, der Wien mag.

Verlagsseite
Falter
Wiener Zeitung „Die Stadt im Spiegel der Bücher“

So. Eingeständnis: Dieses Buch übersteigt mein literarisches Wissen. Vor allem durchschaue ich das Konzept nicht völlig und verstehe nicht alle Anspielungen. Ich kann daher nur auf die Links verweisen und einige persönliche Anmerkungen dazu machen.

Die Ich-Erzählerin hat im Lotto gewonnen und widmet sich nun der „schönen Literatur“. Als Ort hat sie Wien gewählt. Hingerissen bin ich von der Idee, dass viele Straßennamen nach Schriftstellern benannt sein könnten, auch die Bäcker- oder die Herbststraße. Faszinierend!
Die Erzählerin streift mit einer Naivität, die manchmal richtiggehend qualvoll ist, durch die Stadt auf der Suche nach Literatur. Sie findet ein Bookcrossing-Buch (klar, das mir das gefällt), besucht Buchhandlungen und Lesungen, findet sogar durch Zufall eine Schriftstellerin, die ihr im Einsiedlerpark aus einem Text vorliest. Von diesem Teil des Buches war ich beeindruckt. Störend empfand ich lediglich, dass Kilic sehr viel mit Fußnoten arbeitet und auch selbstverständliche Begriffe mit diesen versieht.
Im weiteren Verlauf beginnt die Ich-Erzählerin, inspiriert von der Geschichte der Schriftstellerin, selbst zu schreiben. Die Literatur-Suche wird zur Rahmenhandlung, die ersten schriftstellerischen Versuche treten in den Vordergrund, ebenso die Überlegungen dazu. Also ein Einblick in die Arbeit einer Schreibenden, durchaus interessant, dennoch nicht ganz mein Fall.
Es gibt zudem auch Illustrationen der Autorin und einen sehr hübschen Anhang mit Listen, zB „Liste von Speisen, die ich während meiner Forschungszeit zu mir genommen habe“.

Interview bei “Poetenladen”
Leseprobe
in|ad|ae|qu|at
gangway
Literaturhaus
Verlagshomepage

Der handliche Reiseführer durch die Wiener Seele

Manche Bücher überstehen die Zeit gut. Andere überhaupt nicht. Der „Wiener Knigge“ wurde 2007 (erstmals erschienen 1956) neu aufgelegt, man hätte es lieber sein lassen. Völlig veraltet, nur mehr von historischem Interesse, um zu sehen, wie die Wiener Legenden entstanden sind.

„Wien für Anfänger“ vom gleichen Autor ist noch immer lesenswert, den Wiener Knigge kann man sich getrost ersparen.

Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien

Katja Sindemann hat Geschichte, Vergleichenden Religionswissenschaft, Frauenforschung an der Universität Wien studiert. Schon während ihres Studiums arbeitete sie beim ORF. 2000 machte sie sich als freie Journalistin selbstständig und arbeitet seither für Fernsehen, Radio und Print. Sindemanns erstes Buch erschien 2005.

Die Fotos im Buch stammen von Christine Wurnig. Sie war Fotochefin der Zeitschrift „Wienerin“ und ist seit 2004 selbstständige Fotografin.

Die „Mazzesinsel“ ist der 2. Bezirk in Wien, die Leopoldstadt. Dort entstand bereits 1624 ein Ghetto, der Bezirk ist bis heute ein wichtiges Zentrum des jüdischen Lebens in Wien. Kein Wunder also, dass die Mazzesinsel für ein solches Buch titelgebend ist.
Katja Sindemann gibt zunächst einen geschichtlichen Überblick über das jüdische Wien und zeigt dann, wie es heute aussieht. Der Aufbau des Buches folgt den jüdischen Feiertagen. Zunächst wird erklärt, dann kommen die Rezepte. Den Abschluss bilden ausgewählte Adressen (Supermärkte, Restaurants, etc) und Literaturhinweise.

Ein Kochbuch ist es eigentlich nicht – die Rezepte (60 Stück) spielen bei weitem nicht die Hauptrolle (auch wenn natürlich „Klassiker“ wie Gefilte Fisch, Goldene Jouch, Bagels oder Challah nicht fehlen). Aber das macht gar nichts. Der Leser bekommt einen guten Überblick über das jüdische Leben einst und heute, informativ und doch leicht und unkompliziert geschrieben, gewürzt mit ein paar persönlichen Erlebnissen, Anekdoten und jüdischen Witzen. Eine gelungene Mischung, genau das Buch über das Judentum in Wien, das ich schon lange gesucht habe.

Der Verlag hat mir ein Exemplar des Buches für eine Verlosung zur Verfügung gestellt. Wer mir (emp1-at-gmx.at) bis Mittwoch, 14.10., ein E-Mail mit dem Betreff „Mazzesinsel“ und seiner Adresse schickt, kann das Buch gewinnen. (Die Adresse des Gewinners gebe ich an den Verlag weiter damit das Buch zugeschickt werden kann. Ansonsten erfolgt natürlich keinerlei Weitergabe eurer Adressen!)

Homepage der Autorin mit Lesungsterminen
Homepage von Christine Wurnig
Verlagshomepage
Thrill & Chill
Ebensolch Rez-E-zine

Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde.

Langer Titel, kurzes Buch – nur 190 Seiten, Sachregister inklusive. Es beinhaltet einerseits, vor allem am Anfang, einiges an Gesellschaftskritik, andererseits einen Kurzabriss über die Psychiatriegeschichte und den heutigen Stand der Wissenschaft, samt einigen Geschichten aus der Praxis.

Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut und Theologe. Er ist Chefarzt des Alexianer Krankenhauses in Köln und hat schon einige Bücher veröffentlicht.
Ich geb’s zu, jemand, der Psychiater und Theologe gleichzeitig ist und auch noch ein Buch mit dem Titel „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (dazu lieber kein Kommentar, aber das muss ich auch nicht lesen) geschrieben hat, ist mir per se suspekt. Lütz quält aber in „Irre!“ niemanden unnötig mit Religion, er nimmt lediglich einmal Franz von Assisi als Beispiel, das lass ich durchgehen.

Gut gefallen hat mir der sehr humorvolle Ton am Anfang, wenn erklärt wird, dass sowohl Hitler als auch Stalin normal waren („Der ganz normale Wahnsinn“). Danach widmet sich der Autor dem „ganz normalen Blödsinn“, Menschen wie Bohlen und Paris Hilton zum Beispiel. Auch die: völlig normal. Und mit den wunderbaren Seitenhieben gegen die Esoterik („Gegen den unglaublichen Unsinn, der da geglaubt wird, ist mancher Schizophrene im akuten Schub ein Hort reinster Rationalität.“) hat er mein Herz endgültig gewonnen.

Später, wenn es um Behandlungsmethoden und Beschreibungen der psychischen Krankheiten geht, wird der Ton ernster, was ich als passend empfunden habe. Gut verständlich wird zB erklärt, warum Psychotherapie allein nicht immer zum Ziel führt und warum Medikamente in der Behandlung wichtig sind.
Ausführlicher behandelt werden Krankheiten wie Demenz, Sucht, Schizophrenie, Depression und Manie. Sehr eindrucksvoll ist der Versuch, das Denken in einer Wahnstimmung für den Leser „spürbar“ zu machen.

Und am Ende musste ich noch einmal herzlich lachen: „Denn wer Bücher kauft, gehört schon zu einer Minderheit, und wer Bücher sogar liest und sie nicht bloß verschenkt, der ist nun wirklich nicht normal. Also keine Sorge, wenn Sie es bis hierhin geschafft haben, ein Buch zu lesen, dann sind Sie ganz sicher nicht normal.“ Verdammt. Mein Selbstbild wankt.

Also: ich habe dieses Buch gern gelesen, es ist gut verständlich und dort, wo es passend ist, auch humorvoll. Aber man sollte nicht mit einer Comedy-Version der Psychiatrie rechnen, es geht durchaus um Information und um Abbau des noch immer vorhandenen Stigmas psychisch Kranker.

Aber: das Buch ist ausdrücklich für Menschen geschrieben, die nicht vom Fach sind. Wer sich genauer informieren will wird im Nachwort auf die Fachliteratur verwiesen – ohne das ein einziges empfehlenswertes Buch genannt wird. Es gibt lediglich ein Sachverzeichnis am Ende, keine Quellenangaben, keine weiterführende Literatur. Das bewerte ich eindeutig als negativ. Außerdem zitiert Lütz in vielen Kapitelüberschriften andere Autoren oder wandelt Titel von ihnen ab. „Warum behandeln, und wenn ja, wie viele?“ klingt ähnlich wie „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ von Precht; „Irren ist menschlich“ heißt auch das Psychiatrie-Lehrbuch von Dörner, Plog und Teller; „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ ist von Wilhelm Busch. Das ist nicht generell zu kritisieren, aber so ganz kommentarlos übernehmen oder abwandeln? Oder habe ich die Hinweise überlesen?

Fazit: eine angenehm lesbare und leicht verständliche Einführung in die Psychiatrie samt einigen Seitenhieben auf die Gesellschaft, humorvoll ohne respektlos zu werden, aber leider fehlen Literatur- und Quellenangaben.

WZ-Newsline
pnp
Seitenhiebe
vorwärts.de
Märkische Allgemeine
Deutschlandfunk

Dieses Buch habe ich bei Verlorene Werke gewonnen. Der Postweg war abenteuerlich, beim ersten Versuch ging das Buchpackerl retour weil ich angeblich nicht an meiner Adresse wohne, beim zweiten Mal klappte die Zustellung. Natürlich habe ich mich bei der Post beschwert und gelernt, dass Beschwerdemails zwar beantwortet werden, aber von einer echten Bearbeitung kann keine Rede sein. Sinngemäß kam dabei nur ein „da kann man nichts machen“ heraus, ziemlich frustrierend.

Marianne Eschbach ist die Frau von Andreas Eschbach. Sie wurde 1958 geboren, studierte sieben Jahre lang alles mögliche und arbeitete in vielen verschiedenen Berufen. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann in der Bretagne. „Mirandas Traum“ ist ihr erstes Buch. Und, so böse das klingt, ich glaube nicht, dass es veröffentlicht worden wäre wenn sie nicht Andreas’ Ehefrau wäre. Gattin als Qualifikation – das ist etwas, auf das ich äußerst allergisch reagiere.

Der Klappentext spart nicht mit großspurigen Ankündigungen. „Faszinierender Erstlingsroman“, „neue große Fantasy-Autorin“, „atemlose Spannung“, „Platz neben Michael Endes Klassiker „Die unendliche Geschichte““, …
Wow. Ein Buch, das diese Vorgaben erfüllt, hätte ich wirklich gerne gelesen. War’s nur leider nicht. Nicht im Entferntesten.

Die Story ist tatsächlich klassisch: ein kleiner Bub macht sich auf den Weg um seine Schwester Miranda und die Welt zu retten. Ins Traumland begleitet wird er von sprechenden Tieren (die Namen hätten mich schon misstrauisch machen sollen, zB Friedrich Pelikan oder Emilia Eule. Schlechte Namen sind kein gutes Zeichen.). Gemeinsam erleben sie jede Menge Herausforderungen, ständig muss jemand gerettet werden oder braucht Hilfe oder greift sie an. Zugegeben, manche dieser Märchenfiguren sind phantasievoll, der „Irrende Wald“ zb gefällt mir ganz gut. Aber die Geschichte selbst kommt nicht richtig weiter. Miranda schwebt doch in Lebensgefahr, und es sollte ursprünglich darum gehen, dass um mehr Lebenszeit für sie gebeten wird – aber anscheinend hat ihr Bruder nun ihre Aufgabe, das Land der Träume zu retten, übernommen. Jedenfalls verzettelt er sich völlig, der rote Faden ist nicht mehr erkennbar. Deswegen habe ich das Buch auch auf Seite 186 abgebrochen.

„Mirandas Traum“ hat einfach zu viele Mängel: Martin, die Hauptfigur, bleibt eigenartig skizzenhaft. Ok, er will seine Schwester retten, aber viel mehr erfährt man nicht von ihm. Wie alt ist er eigentlich? Was für ein Mensch ist er? Ab und zu wird er zornig, ab und zu ist er selbstgerecht, das war’s schon.
Die Geschichte besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen, der rote Faden geht verloren. Miranda ist in Lebensgefahr, und ihr Bruder macht einen abenteuerlichen Spaziergang durchs Traumland.
Dazu kommt noch der erhobene pädagogische Zeigefinger. Computerspiele zB sind ganz furchtbar weil sie die Kinder vom Träumen abhalten.
Auch der Stil konnte mich nicht überzeugen. Hölzern, sehr schulaufsatzhaft mit dem braven Suchen von Synonymen um nur ja keine Wortwiederholung zu haben. Eher einfach, aber ob „Mirandas Traum“ als Jugendbuch gedacht ist, kann ich nicht so klar erkennen. Martin ist ein Kind, die Story märchenhaft, ein paar Szenen sind aber eher grausam und nicht unbedingt kindgerecht.

Fazit: Verlockende Versprechungen, nicht im Ansatz eingelöst. Kann man sich wirklich sparen.

Fantasyguide
lies & lausch
Wallys Schreiblust Blog
Sarahs Schreiballerlei
Interview mit Marianne Eschbach

Ferdinand von Schirach ist Anwalt, genauer Verteidiger in Strafsachen. Zu seinen Mandanten gehören auch Prominente, doch in diesem Buch erzählt er von anderen Fällen. Elf „Stories“ aus dem Anwaltsleben, und alle sind laut Klappentext wahr. Nun, das glaube ich nicht so ganz. Einen wahren Kern gibt es gewiss, aber ich nehme an, dass einiges an dichterischer Freiheit dazu kam. Das merkt man auch daran, dass Schirach immer wieder Gedanken von Personen einfließen lässt, auch von den Mordopfern. Also Dinge, er nicht wissen kann, sondern dazu erfinden musste. Eine gewisse Verfremdung ist ohnehin der Verschwiegenheitspflicht geschuldet.

So zB in der Geschichte „Der Igel“, in der ein vermeintlicher Dummkopf die Justiz geschickt austrickst. Sehr fein erzählt, keine Frage, aber ich halte diese Story eher für gut erfunden, ein interessantes Gedankenspiel. Dass jemand ein Parallelleben, das dank zweiter Adresse, mehrer Bankkonten und Studienabschluss eindeutige Spuren hinterlässt, nicht nur vor seiner Familie, sondern auch vor dem Gericht verstecken kann, mag zwar möglich sein, aber tatsächlich passiert? Und wenn es so passiert ist, wieso hat dieser schlaue Mensch sich überhaupt jemanden, selbst wenn es der Anwalt ist, anvertraut?

Egal, auf die Qualität des Buches hat dies keinen Einfluss. Alle elf Stories sind spannend, intensiv, außergewöhnlich und eine interessante Lektüre, die den Leser nachdenklich zurück lässt. Stilistisch hält sich der Autor oft sehr nahe an die Sachverhaltserzählung eines Urteils oder eines Schriftsatzes, auch wenn es immer wieder geschickt eingeflochtene emotionale Bemerkungen gibt.

Was mich besonders freut: Schirach demonstriert, wie gutes Juristendeutsch aussieht. Klar, präzise auf den Punkt gebracht, perfekt strukturiert.

Was mir allerdings fehlt, ist ein Vor- oder Nachwort. Manchmal lässt Schirach zwar juristische Informationen einfließen, allerdings eher spärlich. Eine kurze Erklärung über den Ablauf vor Gericht wäre sicherlich gut gewesen. Vor allem die, dass ein Anwalt parteiisch ist (einen kurzen Satz dazu gibt es in einer der Geschichten). Diesen Blickwinkel verlässt der Autor nämlich in keiner der Geschichten, auch wenn sie auf den ersten Blick sehr objektiv wirken. Er steht immer auf der Seite des Mandanten – und das ist auch gut so.

Besonders deutlich wird dies in der ersten Geschichte, „Fähner“. Es geht um einen Arzt, der seine Frau nach langen Ehejahren äußerst grausam ermordet. Ich zolle Schirachs Argumentation, die das Opfer zum Täter macht, höchsten Respekt. Sie ist lückenlos und logisch aufgebaut. Man muss sehr genau hinsehen um zu bemerken, dass die Eckpunkte – der Schwur und das Eheleben – nicht beweisbar sind, da sie sich ausschließlich im Innenverhältnis der Eheleute zugetragen haben. Wer in dieser Ehe der Stärkere war, lässt sich deutlich aus der Prozessbeschreibung erkennen, wenn die gesamte Stadt zum Mörder hält. Welche Chance hatte das Opfer?

Mit den rechtsphilosophischen Überlegungen zu diesem Fall kann ich mich überhaupt nicht anfreunden, aber es ist eben Aufgabe des Anwalts, auch aus einem eindeutigen Fall samt Geständnis noch etwas zu machen.

Die Leseeindrücke bei „Vorablesen“ lassen sich mich allerdings an der Sinnhaftigkeit von Laiengerichtsbarkeit heftig zweifeln…

Fazit: ein beeindruckendes Buch, sowohl vom Stil als auch vom Inhalt her. Mehr davon!

vorablesen
Interview mit dem Autor – faz.net
WDR
Titel Magazin
berlinkriminell.de
eselsohren

Gelesen:

  1. Ernst Lasnik, Von Mägden und Knechten, 238 Seiten
  2. Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott, 224 Seiten
  3. Catherine Siguret, Drei Tage und drei Nächte, 175 Seiten
  4. Regis de Sá Moreira, Das geheime Leben der Bücher, 174 Seiten
  5. Polly Adler, Polly Klinik 2010, 111 Seiten
  6. Truman Capote, Marilyn & Co., 175 Seiten
  7. Stephan Porombka, Kritiken schreiben, 248 Seiten
  8. Ralf Isau, Messias, 427 Seiten
  9. Lisa Tuttle, Das geheime Land, 395 Seiten
  10. Eva Jancak, Das Haus, 117 Seiten
  11. Karel Capek, Der Krieg mit den Molchen, 319 Seiten
  12. Jodi Lipper & Cerina Vincent, Die Diva-Diät, 229 Seiten
  13. Julia Kospach, Wien. Eine Melange, 114 Seiten
  14. David Nicholls, Zwei an einem Tag, 541 Seiten
  15. Ferdinand von Schirach, Verbrechen, 206 Seiten

Abgebrochen:

  1. Sibylle Berg, Ende gut, auf Seite 106
  2. Joan Aiken, Die jüngste Miss Ward, auf Seite 20
  3. Volker Klüpfel/Michael Kobr, Rauhnacht, auf Seite 126

Gekauft:

  1. Polly Adler, Polly Klinik 2010
  2. Stephan Porombka, Kritiken schreiben
  3. Jodi Lipper & Cerina Vincent, Die Diva-Diät

Geschenkt:

  1. Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott (Rezensionsexemplar über „Das Wortreich“)
  2. Truman Capote, Marilyn & Co. (Bei einem Twitter-Gewinnspiel von Kain & Aber gewonnen)
  3. Eva Jancak, Das Haus (Rezensionsexemplar von der Autorin persönlich)
  4. Keith Devlin, Pascal, Fermat und die Berechnung des Glücks (bei Twitter direkt vom Verlag gewonnen)
  5. Aravind Adiga, Zwischen den Attentaten (bei Twitter direkt vom Verlag gewonnen)
  6. Marianne Eschbach, Mirandas Traum (Gewinn beim Blog „Verlorene Werke“)
  7. Klüpfel/Kobr: Rauhnacht (von „Vorablesen“)
  8. David Nicholls, Zwei an einem Tag (Rezensionsexemplar)
  9. Julia Kospach, Wien. Eine Melange (Rezensionsexemplar)
  10. Manfred Lütz, IRR E! (bei Twitter von Prittwitz und Partner gewonnen)
  11. Ferdinand von Schirach, Verbrechen (Rezensionsexemplar von „Vorablesen“)

Bookcrossing:

  1. Ralf Isau, Messias
  2. Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben

Bücherei:

  1. Catherine Siguret, Drei Tage und drei Nächte
  2. Joan Aiken, Die jüngste Miss Ward
  3. Regis de Sa Moreira, Das geheime Leben der Bücher

Aktuelle SUB-Höhe: 12 Bücher

„Wien – Eine Melange“ ist ein Reiseführer aus der Reihe „Oasen für die Sinne“. Schon äußerlich ist der Band sehr schön gestaltet, ein Hardcover in einem offenen Schuber, bedruckt mit ausgewählten Wien-Fotos.

Julia Kospach wählte einen persönlichen Zugang. Sie erzählt vom Vater, der in Wien als Beamter arbeitete, von der lange kränkelnden Großmutter und von Verwandten im Gemeindebau, und verknüpft dies mit allgemeinen Informationen über die Stadt. Die Kapitel sind nach Farben geordnet: das weiße Wien, das kaisergelbe Wien, das kaffeebraune Wien, das wasserblaue Wien, das grasgrüne Wien, das ziegelrote Wien und am Schluss das schwarze Wien. Am Ende der Kapitel gibt es jeweils dazupassende Rezepte. Auch ein Glossar und Quellenvermerke fehlen nicht.

Allein mit diesem Buch wird man Wien nicht erkunden können. Es ist keine Übersicht über alle Sehenswürdigkeiten (und will es gar nicht sein), es stellt ausgewählte Orte dar und gibt die eine oder andere Anregung auch für Menschen die die Stadt kennen. Geschrieben ist es in einem angenehmen Plauderton, man könnte beinahe übersehen, dass die Autorin sehr wohl recherchiert hat und viele Informationen völlig unaufdringlich einfließen lässt.

Dass ich eine Schwäche für Wien-Bücher habe, ist regelmäßigen Lesern meines Blogs ohnehin wohlbekannt. Kospachs Buch gehört eindeutig zu jenen, die mir besonders gut gefallen. Es ist lebendig, mit diskretem Schmäh, voller kleiner Anekdoten, unauffällig informativ, aktuell (da frisch erschienen), ohne Arroganz, Besserwisserei und Angeberei, kurz ein Buch für Menschen, die Wien mögen.

Verlagshomepage
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Stöger
Julia Kospach beim “Perlentaucher”

Dex und Em, Em und Dex. Obwohl Emma und Dexter in der gleichen Stadt studiert haben, lernen sie sich erst nach der Abschlussfeier so richtig kennen. Eine lebenslange Freundschaft entsteht – oder doch mehr? Über die nächsten zwanzig Jahre beobachtet Nicholls jeweils am Jahrestag ihres Kennenlernens, am 15. Juli, wie es mit ihren Leben weiter gegangen ist. Manchmal verbringen sie diesen Tag zusammen, manchmal getrennt. Die Entwicklung der beiden läuft unterschiedlich, Emma schlägt sich zunächst mit nicht adäquaten Jobs durch um schließlich doch Ordnung in ihr Leben zu bringen. Dexter lebt ziellos, macht Karriere als Fernsehmoderator und erlebt einen beruflichen Absturz.

Ich muss gestehen, ich war nicht so begeistert von dem Buch, zumindest nicht so sehr wie die meisten anderen Rezensenten. Die Idee, immer an einem bestimmten Tag das Leben der beiden Protagonisten zu beleuchten, ist wunderbar. Nicholls nützt die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nämlich Unwichtiges und Langweiliges wegzulassen, auch sehr gut aus. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass Emma und Dexter etwas weniger klischeehaft dargestellt werden. Dexter ist so typisch der reiche, verwöhnte Junge, reist in der Welt herum, wird ein saufender Fernsehmoderator und Womanizer, während Emma zuerst in einem furchtbaren Restaurant jobbt und dann ihren Traum vom Schreiben verwirklicht – das ist wirklich sehr abgedroschen. Und – Achtung Spoiler! (weitere werden folgen) – natürlich kommen sie in Paris zusammen, wo sonst?
Während ich bei der Beschreibung der ersten Nacht an „Before Sunrise“ denken musste, drängte sich hier „Before Sunset“ auf. Ein bisschen „Love Story“ ist drin, ein bisschen „Harry und Sally“, eine Spur „Love Letters“. Nun, nicht die schlechtesten Bücher, Filme und Stücke, um sich daran zu orientieren. Nur scheint mir, die Originalität des Buches erschöpft sich im formalen Aufbau.

Der Ton ist durchaus hübsch getroffen. Anfangs die Ungewissheit, wie es mit dem Leben weitergeht, aber auch die Leichtigkeit, später die Enttäuschungen und Trauer.
Eigentlich muss es jedem Leser klar sein: wenn der Autor einen so eindeutig umrissenen Zeitraum wählt, dann kann es nicht gut ausgehen, dann muss einer von beiden sterben. Aber diese Tragik braucht der Roman auch.

Noch eines: der Covertext spricht von „zwei eigentlich füreinander bestimmten Menschen“. Erfreulicherweise kommt dieser Aspekt nicht vor – kein Schicksal, keine esoterische Bestimmung, bloß zwei Menschen, die immer wieder zu feig oder zu stolz oder zu beschäftigt sind, um zu ihren Gefühlen zu stehen oder sie überhaupt zu erkennen.

Fazit: Die meiste Zeit geht es eher um Freundschaft als um Liebe, deswegen wird es auch nur selten schnulzig oder kitschig. Die Struktur des Romans ist originell, die Charaktere leider weniger.
Als Sponsionsgeschenk ist das Buch sicherlich bestens geeignet.

Website zum Buch
WDR 2
Berliner Literaturkritik
Büchertreff
Mittetschnitte
Papiergeflüster


„St. Swithin’s Day“ von Billy Bragg wird in den Danksagungen erwähnt

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